Der Name war Programm. “F.V.S.” hieß die Stiftung, die der Hamburger Kaufmann Alfred Toepfer am 5. Dezember 1931 in Hamburg gegründet hatte. Mit “F.V.S.” war der preußische Reformer Freiherr vom Stein gemeint, den Toepfer sehr verehrte. “Mein Wunsch ist, daß Deutschland groß und stark werde, um seine Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Nationalität wieder zu erlangen”, hatte Freiherr vom Stein einst geschrieben, und Toepfer, der darin das Bekenntnis eines großdeutschen Nationalisten erkannt zu haben meinte, nahm das Zitat in die Satzung seiner Stiftung auf. Völkisch waren die Ziele der Stiftung, die vor allem darauf hinwirken sollte, die im Versailler Vertrag abgetretenen Gebiete wieder enger an das Weimarer Deutschland anzubinden – oder, wie die Satzung es formulierte, die “Brücke zu den einst auch politisch mit uns verbundenen Volksgruppen auf kulturellem Gebiet wieder stärker zu befestigen”. Dies waren Ideen, die in der völkischen Jugendbewegung en vogue waren, der Toepfer entstammte, und mit der Stiftung, die er mit einem beachtlichen Teil seines beträchtlichen Vermögens ausstattete, trat der Hamburger Kaufmann ganz praktisch für sie ein.
Mit seiner Stiftung diente sich Toepfer schon bald den Nationalsozialisten an. Ein Beispiel dafür bietet Gut Kalkhorst in Mecklenburg. Toepfer hatte das Anwesen 1935 zunächst dem Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) zur Verfügung gestellt, schlug jedoch schon 1936 Heinrich Himmler eine Nutzung durch die SS vor. Als Himmler abwinkte, bot Toepfer Rudolf Heß die Schirmherrschaft über seine Stiftung und über Gut Kalkhorst an. Auch Heß ließ den Hamburger Kaufmann abblitzen. Erst im Sommer 1939 gab er Toepfers Werben nach und ließ sich für vier Wochen mit seinem engeren Stab auf Gut Kalkhorst nieder. “Ich bin sehr glücklich darüber, daß unser hoher Gast sich mit seiner Begleitung so ausserordentlich wohl auf Kalkhorst fühlt”, schrieb Toepfer Ende Juni 1939 dem NS-Geopolitiker Karl Haushofer. Später hielt sich dann doch noch auch Heinrich Himmler in Kalkhorst auf – allerdings erst in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1945, auf der Flucht vor den alliierten Truppen.
Zahlreiche weitere Belege für Toepfers Bemühungen, Anschluss an die NS-Eliten zu erhalten, und für seine NS-Aktivitäten bietet der Artikel über die Stiftung F.V.S. im “Handbuch der völkischen Wissenschaften”, das Ingo Haar und Michael Fahlbusch in diesem Jahr herausgegeben haben. “Die völkische Bewegung” – ihr gehörte Alfred Toepfer seit Kaisers Zeiten an – war mit ihren Verästelungen in akademischen Vereinen, in Männerbünden, in Freikorps und in der Jugendbewegung (…) als eine die Parteien übergreifende Bewegung historisch wirksam”, schreiben die Herausgeber. Ihr Handbuch “rückt das Mitwirken von Wissenschaftlern” in den Vordergrund – und zwar dort, “wo staatliche Akteure in Arbeitsteilung mit Sozial- und Kulturwissenschaftlern den Interventionsstaat nutzten, um aktiv Gesellschaftspolitik zu betreiben”. Die Stiftung F.V.S. ist ein Beispiel dafür, wie – vor allem mit der Vergabe prestigeträchtiger Preise – die Kulturpolitik entsprechend völkischen Paradigmen beeinflusst wurde, um völkischen Ideologen den Aufstieg zu erleichtern. Nicht wenige hochrangige NS-Ideologen waren dazu in den Stiftungsgremien aktiv.
Mehr als 140 Artikel auf fast 850 Seiten umfasst das “Handbuch der völkischen Wissenschaften”. Trotz der Lücken, die angesichts der umfassenden Thematik nicht ausbleiben konnten, bringt es dicht gedrängt eine ungeheure Menge an Material. Es umfasst wissenschaftliche Leitthemen (“Ostforschung”, “Westforschung”), Institutionen (etwa “Reichsforschungsrat”, “Reichsuniversität Posen”), Stiftungen (“Reinhard-Heydrich-Stiftung”) sowie Zeitschriften (“Zeitschrift für Geistes- und Glaubensgeschichte”). Vor allem Biographien sind in großer Anzahl vertreten (von Hermann Aubin über Franz Petri bis zu Wilhelm Weizsäcker). Das Werk, das in siebenjähriger Arbeit entstanden ist, hat als umfassendes Kompendium hohen Wert für die Auseinandersetzung mit völkischen Ideologen der NS-Zeit – gerade auch im Falle derjenigen, die – wie Alfred Toepfer mit seiner Stiftung – noch in der Bundesrepublik eine hervorgehobene Rolle spielten.
Personen – Institutionen – Forschungsprogramme – Stiftungen
München 2008 (K.G. Saur Verlag)
846 Seiten
198,00 Euro
ISBN 978-3-598-11778-7
Handbuch der völkischen Wissenschaften: Personen – Institutionen – Forschungsprogramme – Stiftungen: 2 Bände (Gebundene Ausgabe). JETZT KAUFEN (nur 82,90 EUR):









