Das US-Justizministerium entwickelt gegenwärtig Waffen, die uns geradezu das anhaltende Philosophieren lehren könnten! Denn auch wenn der Unterschied zwischen Tod und Tod bekanntlich nicht sehr groß ist, dürfte doch nicht unwesentlich sein, ob er einen sanft ereilt oder aber mit schrecklichen Qualen einhergeht. Einige neuere und weitgehend geheime Waffensysteme lassen allerdings nicht gerade Zuversicht aufkommen. Auch unter den sogenannten nicht-lethalen Waffen gibt es dabei so manche Neuentwicklung, die zu berechtigter Skepsis und einigen Protesten geführt hat. Dabei bestätigt das Ministerium, dass es sich um durchweg humane Waffensysteme handelt.
Sie sollen möglichst nur abschrecken, nicht verletzen oder gar töten. So zumindest wünscht es sich das US-Justizministerium – oder will die Sachlage eben so darstellen. Eine spezielle Forschungsabteilung der für Recht und Ordnung zuständigen Behörde beschäftigt sich gegenwärtig mit einigen leicht ungewöhnlichen Projekten. Das National Institute of Justice (NIJ) arbeitet an nicht-tödlichen Waffensystemen, die per Laser- oder Mikrowellenstrahl schnell und gezielt Schmerze erzeugen können. Diese tragbaren Strahlenwaffen sollen in absehbarer Zukunft für die US-Polizei zur Verfügung gestellt werden, um Verdächtige wirksam außer Gefecht zu setzen, ohne sie zu töten, so heißt es.
Die Systeme basieren auf der umstrittenen ADS-Waffe, dem Active Denial System, das vor rund einem Jahr bekannt wurde und Mikrowellenstrahlung nutzt. Genau wie die so ungemein gesunden Mikrowellen, die heute in den meisten Haushalten darauf warten, lebensnotwendige Proteine und Nährstoffe aufzubrechen, umzuformen und jegliche Nahrung im Handumdrehen bestenfalls in wertlose Füllmasse zu verwandeln, genau so schnell erfasst ADS die menschliche Haut und heizt sie schmerzhaft auf. Im Gegensatz zum weit gefächerten ADS-Strahl fokussieren die neuen Waffen die Mikrowellen jedoch auf ein enges Bündel. Das eine wirkt also wie eine Schrotflinte, das andere wie ein Scharfschützengewehr.
Auch die portabel gehaltenen Waffen der nächsten Mikrowellen-Generation heizen die Haut auf, mit Strahlen von wenigen Zentimetern Durchmesser. Sie sollen zur »Traumatisierung« und Abschreckung dienen, sollen zeitweilig handlungsunfähig machen wie Gummigeschosse, die allerdings auch Rippen brechen und töten können. Die neuen Waffen sollen verwirren und beeindrucken. Und das werden sie sicherlich auch. Wer in nicht allzu ferner Zukunft in den USA unterwegs ist, mag sich plötzlich einem Gesetzeshüter gegenübersehen, der mit einem so futuristischen wie klobigen Ding auf sein Gegenüber ansetzt und kurz darauf eine Mikrowellen- oder Lasersalve entfesselt.
Was daherkommt wie ein Phaser aus Startrek oder Alien ist alles andere als eine Attrappe, ein Scherz oder ein Spielzeug. Das wird spätestens beim ersten Treffer klar. Doch eine NIJ-Sprecherin versichert: »Anders als bei Trauma-Waffen wird es nicht zu Verletzungen kommen.« Aber wie nennt man Verbrennungen zweiten Grades dann? – »Kinderkrankheiten« wahrscheinlich, denn gegenwärtig zumindest kam es bei Testpersonen, wenn auch selten, genau zu solchen Auswirkungen. Das NIJ arbeitet derzeit an verschiedenen Systemen und wird sicherlich das zuverlässigste zur Standard-Abschreckung küren.
Eine von der US-Luftwaffe im Jahr 2005 entwickelte Waffe mit der fantasievollen Bezeichnung Personal Halting and Stimulation Response (PHaSR) wurde zusätzlich zu ihrer Abschreckungsfunktion allerdings auch mit einem Laser ausgestattet, der die Haut durchaus wirksam aufheizen kann. Auf dem Sektor der Mikrowellenwaffen ist man angeblich noch nicht so weit, doch immerhin wird unter den diversen Varianten bald auch ein tragbarer Prototyp fertig, der eine Reichweite von 15 Metern besitzt. Die Strahlung von Mini-ADS-Mikrowellenwaffen durchdringt Kleidung besonders gut und erreicht somit beinahe ungehindert die Haut. Auch akustische Waffen stehen auf dem Programm – und knüpften damit an eine Schallwaffe an, wie sie in Deutschland zur Nazi-Zeit in der Erprobungsstelle S in Lofer bei Salzburg bereits im Einsatz war. Wer in den Wirkungsbereich dieser Waffe geriet, drohte beinahe den Verstand zu verlieren.
Natürlich stößt vor allem die geplante größere Verbreitung jener Waffen auf einige Skepsis und manchen Protest. Allein schon die euphemistische Formulierung, Verdächtige mit den neuen Hilfsmitteln schnell außer Gefecht setzen zu können, lässt alle Alarmglocken klingen, birgt sie doch ein denkbar weites Spektrum der Einsatzgebiete und Anwendungen. Ist nicht im Grunde jeder irgendwann einmal verdächtig? Zumindest kann er es sehr schnell werden – und die Entscheidung hierüber liegt völlig im Ermessen der ausübenden Gewalt, mit der man dann plötzlich und unerwartet konfrontiert ist. Das neue Additiv zu Tasers & Co stößt nicht zuletzt auch deshalb auf Ablehnung bei Menschenrechtlern, weil diese nicht-lethalen Waffen nicht allein Abschreckungsmittel darstellen oder eine temporäre Handlungsunfähigkeit bei Gewalttätern bewirken, sondern weil sie auch dazu dienen könnten, Menschen über längere Zeit sehr gezielt zu quälen und zu foltern. Darauf weist auch die Waffenkontroll-Spezialistin Helen Hughes von Amnesty International hin. Steve Wright von der Universität Leeds meint zum Potenzial der aktuellen NIJ-Systeme nur, dies sei – wieder einmal – »Folter auf Knopfdruck«. Und darin haben manche ja schon umfangreiche Erfahrung.
Bei aller vorgeblichen Sicherheit, die per se nie erreichbar ist und durch solche Waffen eher in die Absurdität gleitet, vor allem eingedenk der Natur des Menschen, im Speziellen auch mit Blick auf manchen Repräsentanten der Exekutive, bei all jener vorgeblichen Sicherheit also bringt die Verbreitung der ADS-Nachfolger letztlich nichts als ein weiteres Stückchen Kontrolle über die globalisierte Masse, die es zu beherrschen gilt. Und damit einen deutlichen Verlust an Freiheit und Sicherheit. Denn wie gesagt, verdächtig kann jeder sehr schnell werden.
Von Andreas von Rétyi
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