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von | 16.08.2009 | 11:48 ET in Europe

 

Gedanken zu Mauerbau, Berlin und deutscher Teilung

Von Almut Rosebrock (Jg. 1968), Wachtberg bei Bonn

Ich habe den Bericht “Der Sommer 1939″ auf arte gesehen, der in den verschiedenen europäischen Staaten die Entwicklungen in dieser Zeit anhand von offiziellen Bildern, aber auch persönlichen Erinnerungen darstellte. Ich fand die Sendung sehr interessant. Wir waren ja selbst im Urlaub gerade in Berlin. Sehr gut gefiel mir das Mauerinformationszentrum “Bernauer Straße”, das in vielen authentischen Dokumenten, Filmen, Tonaufnahmen und Bildern die Ereignisse und Situation dort nachvollziehbar macht. (Checkpoint Charly kenne ich noch nicht.) Man kann von oben auf ein Stück noch aufgebaute Maueranlage mit dem Todesstreifen dazwischen schauen. Die Gedenkstätte (Eintritt frei) befindet sich im ehemaligen Gemeindehaus der Erlöserkirchengemeinde, das nach dem Mauerbau ca. 1968 neu gebaut wurde, weil das vorherige Gemeindehaus im Osten nun nicht mehr erreicht werden konnte. Die Bernauer Straße war ja die durch die Mauer geteilte Straße, wo es besonders dramatische Szenen gab. Die Erlöserkirche stand zwischen den beiden Mauern im Niemandsland, konnte nicht mehr benutzt werden – und wurde 1985 gesprengt. An ihrer Stelle steht jetzt eine runde Kapelle, davor wurde ein Roggenfeld angelegt, das am 26.7. abgeerntet wurde. Ich las es hier in der Zeitung, was da angekündigt worden war. Jetzt, als Stoppelfeld, sieht es so aus, wie damals im Niemandsland – hat aber Frucht getragen. Die Erlösergemeinde hat ihr Haus für diese Dokumentation zur Verfügung gestellt.
 Auf dem Alexanderplatz im Zentrum Berlins ist noch bis November die Ausstellung anlässlich “20 Jahre Mauerfall” zu sehen, draußen auf einer großen Zahl Wandtafeln. Dort wird berichtet und dokumentiert über die Situation in der DDR, über den beginnenden Widerstand, zunächst zu Umweltthemen, Frieden und gegen Militarismus, zunehmende Kritik am System, an mangelnder Freiheitlichkeit,… . Diese Bewegungen begannen oft punktuell um einzelne Personen, wurden beobachtet und Repressalien ausgesetzt. Nicht selten boten Kirchengemeinden die Räume für Treffen, weil die Kirchen einen gewissen Sonderstatus hatten und so “Schutz” und Räumlichkeiten bieten konnten. Nach und nach entdeckten die Gruppen, dass es auch andere an anderen Orten gab, vernetzten sich, der Widerstand wuchs, bis hin zu den friedlichen Demonstrationen, auf die hin 1989 die Grenze schließlich nicht mehr gehalten werden konnte.

Ich habe die Ausstellung intensiv angeschaut – und mich beschlich immer wieder das Gefühl, dass WIR heute wieder vorm “Reichstag” stehen müssten und rufen: “Wir sind (aber) das Volk”. Ich sehe die Gefahr, dass die Politik mit diesem Fingerzeigen auf “die da in der DDR”, und “die da 1939″, herrlich ablenken kann (und wird) von den heutigen Missständen, der riesigen Politikverdrossenheit in der Gesellschaft (und woher sie kommt), der völlig ungleichen Verteilung des Geldes, der Verherrlichung des Konsums und Kommerzes zu ungunsten der Solidarität zwischen den Menschen  und für Familien, des “Demokratismus”, der allenthalben herrscht und nicht Betroffene individuell fragt, was sie brauchen, sondern (durchaus auch ideologische) “Programme” von Grünen Tisch aus durchzieht. Gerade als es um “Netzwerkbildung” zwischen den Gruppen ging, musste ich ans Familiennetzwerk (www.familie-ist-zukunft.de) und unsere Arbeit denken, wo man doch öfter das Gefühl hat, bewusst “ausgeblendet” zu werden, fast manipulativ hauptsächlich Berichte in der anderen Richtung zu hören und lesen. 
Unsere Ost-Berliner Freundin sah das sogar noch extremer. Sie leidet täglich unter den Schikanen durch die “S-Bahn-Krise” und auch anderen negativen Begleiterscheinungen der “neuen Republik” (kein besonders passender Begriff- haben Sie einen Besseren?), ihrer Politik und ihren Auswirkungen in verschiedenster Hinsicht. Dazu passte die öffentliche Vereidigung von 400 Rekruten mit Angela Merkel, für die, als wir vor dem Bundestag waren, gerade aufgebaut wurde: 1500 Polizisten (wer bezahlt die?) sorgten dann bei der Veranstaltung für Ruhe und Ordnung (Riesenaufwand schon beim Aufbau). Laut Zeitungsbericht verlief die Veranstaltung friedlich. “200 Demonstranten demonstrierten außer Hörweite” (wohl am Potsdamer Platz) – na danke. 
Mein Mann und ich waren uns einig, dass die neuen Bauten im Regierungsviertel uns an Nürnberg, (gewisse Bauwerke in ihrem “Protz”) erinnerten – im Prinzip empfinde ich diese modernen „Repräsentations-Bauten“ einfach nur hässlich und “pottig”, wie auch die Riesen-Bauten am Potsdamer Platz. Der Mensch wird zunehmend zur “Nebensache” im “System”, wo die Räder laufen – und auch zermalmen.
Freiheit – freiheitlich leben? (Nun, der neue “Hauptbahnhof” hat durchaus Ausstrahlung – aber es wurden auch Millionen verbaut.) Am besten gefiel mir dort bei den Regierungsbauten ein Streifen mit einer wunderbar blühenden Sommerblumenwiese am Aufgang von der Spree… .

Wärmste Empfehlung des Buches “Und ich bin dabei gewesen” von Pfarrer i.R. Christian Führer, der von 1980 – 2008 Pastor in Leipzig an der Nikolaikirche (“Montagsgebete”) war und sehr anschaulich und offen über sein Leben, dann aber auch die Ereignisse schreibt, die in der “friedlichen Revolution” gipfelten. Sein Handeln ist klar fundiert auf Basis der Bibel, mit gesundem Menschenverstand, ein aufrechter, tapferer Mensch, der auch Kämpfe und Schwierigkeiten nicht verschweigt und bis heute sich bemüht, Menschen, die am Rande leben, zu helfen, beizustehen, sie zu begleiten. Ich kaufte das Buch am Alexanderplatz und es begleitete mich durch die kommenden Tage – bis dahin, dass ich später, von Zwickau aus, spontan eine Tagestour nach Leipzig machte und feststellte, dass die Nikolaikirche wirklich äußerst bemerkenswert ist – und so wie im Buch beschrieben. Johann Sebastian Bach hat auch hier gewirkt, ebenso wie in der Thomaskirche, die mehr für das Bach-Gedenken steht – das hatte ich ausgeblendet, wurde mir durch den Besuch wieder neu klar. Mein Vater hat in Leipzig Musik studiert – bevor er 1958 über die “Grüne Grenze” (Ausreise über S-Bahn Berlin) ging.

Die Häuser in Magdeburg, in denen meine Großeltern früher gewohnt haben, und das nahebei, in dem meine Tante 1931 geboren wurde, die wir jährlich besuchten, stehen unter Denkmalschutz – und gerade jetzt werden sie saniert und die Wohnungen wieder für Mieter und Eigentümer hergerichtet. Es gibt Fortschritte zu sehen, die erfreulich sind. 

Zwickau, wo mein Bruder lebt, ist mit Bonn (unserem Wohnort) verbunden durch den Komponisten Robert Schumann, dessen 200. Geburtstag im kommenden Jahr begangen wird. Er ist in Zwickau 1810 geboren und in Bonn-Endenich in der Nervenheilanstalt, jetzt “Schumannhaus” und Musikbücherei, 1856 gestorben – gerade war sein 153. Todestag.
 Ich selbst bin in Lübeck-Schlutup, am nördlichsten Punkt der DDR-Grenze, in Sichtweite des Metallgitterzauns, aufgewachsen, unsere Straße endete an der Grenze, mein Zimmer blickte dort hin. Der Grenzübergang war etwa 1 km entfernt. 
Ein wichtiges Spiel für uns als Kinder war “Grenzübergang” – mit kunstvoll selbstgebastelten Pässen, Puppen und Co. So bearbeiten Kinder ihre Gegenwart.
 Meine Eltern nahmen am 9. November DDR-Bürger über Nacht auf – es besteht Kontakt bis heute! Ich selbst wunderte mich in meiner Studienstadt Braunschweig am 10. Nov. über die erhöhte Trabi-Dichte – und hörte dann von den Ereignissen. Weihnachten, als ich nach Hause kam, ging mein erster Weg hin zum Grenzstreifen, wo ich die Arme hochriss und tief durchatmete. Am ersten Weihnachtstag gingen wir über eine Öffnung in der Mauer beim Nachbarort über einen “provisorischen Übergang” nach Herrnburg im Osten Lübecks.
In den kommenden Jahren haben wir viele essbare Pilze im Grenzland gefunden.

Wege der Kindheit prägen das Leben – wie man auch immer wieder an den Berichten aus den früheren Zeiten erkennt. Besonders wichtig ist mir die große Bedeutung von MUTTER und VATER für die Menschen. In der Krise harren zumeist die Mütter mit und bei ihren Kindern aus, tragen sie mit durch schwerste Situationen. Und DAS trägt hinein bis ins Alter! 
Auch übrigens das Gefühl des Verlassenseins, wenn das Realität war!
 Wir sind berufen, an unseren Kindern und in unseren Familien zum Segen zu wirken – und mit gesundem Menschenverstand und kritischem Geist in den aktuellen Ereignissen zu stehen – denn:
Wir sind ein Teil der Geschichte!
 Viele Grüße und Freude und gute Erfahrungen beim selber Nachdenken und Anpacken!

Foto: Gemälde von Heinrich Zille (1858–1929) mit dem Titel: “1929) von 1924 mit dem Titel “Konsum-Genossenschaft”. Handschrift: „Frida – wenn Deine Mutter ooch in’s „Konsum“ koofte wärste schon lange een kräftiges Kind – sag’s ihr!“ „Gewidmet von Hugo Woyda.“

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