Baltische Rundschau - Die Grösste deutschsprachige Zeitung im Baltikum

Schwieriger Umgang mit Stalin

Veröffentlicht von RIA Novosti on Dez 23rd, 2009 und gespeichert unter Kommentare. Sie können Kommentare über die Artikel hier mitverfolgen: RSS 2.0. Beides, Kommentare und Pings sind derzeit nicht möglich.

  • Share

Am 21. Dezember wäre Josef Stalin 130 Jahre alt geworden.

Will man etwas vom Zustand einer Gesellschaft, ihren Neigungen und Stimmungen herausfinden, so muss man ihre Einstellung zu Stalin untersuchen.

In der damaligen Sowjetunion wurden die Geburtstage Stalins in allen Sowjetrepubliken begangen. Selbst einzigartige Geschenke beschränkten sich in ihrer Gestaltung auf die gemeinsame Ideologie: Sie taugten nicht fürs wirkliche Leben. Doch der 120. (1999) und erst recht der 130. Geburtstag Stalins weisen bei den Mitgliedern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und den baltischen Staaten deutliche Differenzen in der Einschätzung des Führers aller Zeiten und Völker auf.

Es geht nicht um Fakten seines Lebenslaufs, sondern um das Image, das die politische Elite benutzt, um die Art und Weise, die Erinnerungen im einheimischen Kulturraum unterzubringen. Hier zeigt sich jetzt, dass der Stalin-Komplex, der stalinistische Komplex unterschiedlich überwunden wird, oft recht überraschend und widerspruchsvoll.

In mehreren Staaten ist die Stalin-Gestalt ein Bestandteil des “Kriegs der Denkmäler”. Die weißrussischen Linken zum Beispiel gaben im Sommer des Jubiläumsjahrs eine Spendensammlung bekannt, um ein Stalin-Denkmal in Minsk zu errichten, weil sie das als “Herstellung der Gerechtigkeit” ansehen. Zugleich erklärte der Chefarchitekt von Moskau, das Stalin-Denkmal, das zu den Lebzeiten des Führers in der U-Bahnstation “Kurskaja” stand, müsse auf seinen alten Platz zurückkehren.

In Georgien dagegen hat sich eine Diskussion um die Verlegung des Stalin-Denkmals in seiner Heimatstadt Gori vom Stadtplatz in ein Museum entfacht. Den Anfang machte Vizepremier Beramidse bereits im vergangenen Jahr, als er erklärte: In einem Lande, das ein “Freiheitssymbol” darstelle, sei es unzulässig, dass im Zentrum einer Stadt ein Stalin-Denkmal stehe.

Im Juli 2009 wurde die Initiative von nichtstaatlichen Organisationen und Experten aufgegriffen: “Gori ist nicht die Stadt Stalins, Gori ist eine Stadt der Helden unserer Zeit.” Zweimal wurde das Denkmal von Unbekannten angegriffen. “Du gehörst in ein Museum!” oder “Runter vom Postament!” wurde auf die Statue gesprüht. Die Situation wurde etwas gemildert, als die Ergebnisse einer Umfrage unter der Bevölkerung bekannt gegeben wurden: 68,4 Prozent traten gegen den Abriss des Denkmals ein, 17 Prozent unterstützten diese Idee, 13,8 Prozent konnten sich nicht festlegen.

Die Öffentlichkeit von Lettland, Litauen und Estland sowie von Moldawien konzentrierte sich auf die tragischen Folgen des Stalin-Hitler-Paktes (Molotow-Ribbentrop-Paktes) von 1939. Der litauische Parlamentarier und Historiker Arvidas Anusauskas betont, dass es unakzeptabel sei, wenn in Russland die Außenpolitik der Stalin-Zeiten gerechtfertigt werde und das Land von den Beschlüssen des Zweiten Kongresses der Volksabgeordneten von 1989 abgehe.

Die Parlamentarische Versammlung der OSZE nahm im Juli dieses Jahres die Vilnius-Deklaration an, die den Nazismus und den Stalinismus gleichermaßen verurteilt. Von den 320 in der Sitzung anwesenden Abgeordneten unterstützten 213 die Erklärung, was vom russischen Außenministerium scharf verurteilt wurde. Im Namen der Delegation Kasachstans brachte der Senatsvorsitzende, Kassym-Schomart Tokajew, sein Bedauern über diesen Vorfall zum Ausdruck.

Die Ukraine hat dem Jubiläumsjahr Stalins neue Farben verliehen. Dort vermischen sich schmerzhaft die Attacken von Präsident Viktor Juschtschenko gegen Stalin mit dem Missbrauch von dessen Namen im Wahlkampf der Präsidentschaftsanwärter. Im Mai leitete der Sicherheitsdienst im Auftrag Juschtschenkos ein “Verfahren” gegen den “Holodomor” (Hungersnot) ein, ohne bemerkt zu haben, dass dies der ukrainischen Strafprozessordnung widerspricht, die die Möglichkeit ausschließt, ein Gerichtsverfahren gegen Verstorbene, die eines Verbrechens verdächtigt werden, anzustrengen.

Im Juli beauftragte Juschtschenko den Generalstaatsanwalt, ein Strafverfahren zu erörtern, bei dem es sich um die von Stalin verfügte ungesetzliche Deportation der Krim-Tataren und anderer Völker, die auf der Halbinsel lebten, handelte. Vor diesem Hintergrund erhielt Leonid Gratsch als “echter Marxist-Leninist” und Führer der Kommunisten auf der Krim von einer Delegation russischer Kommunisten die Gedenkmedaille “Zum 130. Geburtstag J. W. Stalins”.

Präsidentschaftskandidat Arseni Jazenjuk benutzte auf einer Konferenz in Liwadia Stalins Namen ziemlich leichtfertig gegen seinen Konkurrenten Viktor Janukowitsch. Juri Kljutschkowski, Abgeordneter der Obersten Rada (Parlament) von der Partei “Unsere Ukraine”, zweifelt überhaupt nicht daran, dass Stalin-Zeiten wieder heraufbeschwört werden, als es bei den Wahlen “darauf ankam, wer die Stimmen zählt”. Das war also eine durchsichtige Anspielung auf die verbreiteten Praktiken, Stimmzettel hinzuzuzählen, um Wunschergebnis zu erhalten.

Auch in Russland ist im “Spiel” um Stalins Gestalt eine gewisse Inkonsequenz zu bemerken. Zuerst wurde der Versuch unternommen, eine Anweisung für die Lehrer mit Stalin als “effektiven Manager” einzubürgern, und das bei gleichzeitiger Apologie des Autoritarismus, der imperialen Großmachtansprüche und einer auf Stalinsche Art “glücklichen Geschichte”. Dann erschienen in denselben Lehrbüchern erläuternde und versöhnlerische Töne in Bezug auf die Rolle des Stalinismus in der Geschichte unseres Landes, auf seine zweitrangige Bedeutung im Vergleich mit der Rolle der objektiven Umstände. Doch diese palliativen Züge wurden durch die negative Beurteilung überlagert, die Präsident Dmitri Medwedew lieferte. Bereits zuvor wendete er sich gegen den Wiederaufbau des Eisernen Vorhangs und betonte, wie wichtig es sei, bei der Beurteilung von Reformen die “sozialen Selbstkosten” in Rechnung zu ziehen.

Somit haben wir es nun wirklich nicht mit einer eindeutigen Situation bei der Überwindung des stalinistischen Gedankenguts zu tun, das so manchen Kopf immer noch gefangen hält. Während seine Figur in den einen Staaten unmissverständlich mit Verbrechen assoziiert wird, appellieren in anderen Staaten nicht wenig Menschen mit paternalistischem Bewusstsein an ihn, bitten um Schutz vor den Bürokraten und korrupten Beamten, protestieren gegen die Folgen der Krise und eine naive Sozialpolitik.

Das abermalige Jubiläum zeigt, dass der Prozess der Befreiung vom Stalinismus durch das Niveau der Demokratie, die Machtordnung bestimmt wird, dadurch, dass die Gesellschaft in die vorderste Reihe rückt, dass man nicht vorgibt, sich auf die Gesellschaft zu stützen, sondern vielmehr die Gesellschaft mit dem Recht ausstattet, die Verwaltungsstrukturen zu formen und klare Konturen der Zukunft zu zeichnen.

von Gennadi Bordjugow (RIA Novosti).


Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti und BR übereinstimmen.

Populäre Nachrichten:


Kfz-Versicherung


Weitere Nachrichten:

Kulturhauptstadt Tallinn fehlen Konzepte
Todesstaub (I)
Konstruktion einer Nation
  • Share/Bookmark

Kommentare nicht möglich



Anmelden | COPYRIGHT © 1994-2010 LOTC MEDIA - PUBLICITAS JSC. All rights reserved. | BALTISCHE RUNDSCHAU ONLINE - ISSN 2029-2635
Die Meinung eines Verfassers, welche in einzelnen Artikeln zum Ausdruck gebracht wird, muss nicht mit der Meinung der Redaktion der Baltischen Rundschau übereinstimmen.