Am 29. Dezember 1989 übernahmen zwei Symbolfiguren die Macht in der Tschechoslowakei.
Alexander Dubcek, Symbol eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz, und Vaclav Havel, Symbol eines unversöhnlichen Kampfes gegen den Sozialismus. Die Ironie des historischen Schicksals führte sie zusammen.
Nur schwer lassen sich zwei andere Menschen mit ebenso unvereinbaren Lebensläufen finden: “Eis und Feuer”, wie einst Alexander Puschkin schrieb. Der eine ist Sohn, Enkel und Urenkel von ausgesprochenen Kapitalisten, Dramatiker, Essayist, Kunstwissenschaftler, Ästhet und Bohemien. Der andere ist Sohn eines Tischlers, Lehrling eines Schlossers und Parteifunktionär.
Der eine, ein klassischer Dissident, ein typischer “bebrillter Intelligenzler”, kämpfte fast sein ganzes Leben gegen das System und hatte schließlich Erfolg. Der andere als Teil dieses Systems wollte es von innen her verbessern, verlor jedoch den Kampf. Allerdings fand sich dank des Erfolgs des Dissidenten Havel im Endergebnis eine Spitzenposition auch für den ehemaligen Parteifunktionär Dubcek. Mehr noch: Sein Comeback gestaltete sich zu einem Triumph. Eine Niederlage ist wahrhaft von einem Sieg nicht zu unterscheiden.
Übrigens wurde Havel auch nicht sofort Sieger. Seinem persönlichen Sieg in der Spitzenzeit der bekannten „sanften Revolution” ging ein langwieriger, qualvoller, riskanter Kampf voraus – es war ein richtiger Krieg zwischen einer einzelnen Person und dem Staat. Der Staat hatte nicht im geringsten Mitleid mit dieser fremden Person und übte Druck auf sie aus, wie es nur irgendwie ging: viermal Gefängnis, Anklagen wegen des Überfalls auf einen Staatsbeamten, wegen des versuchten Sturzes, wegen subversiver Aktionen. Das letzte Mal verließ er das Gefängnis ein halbes Jahr vor seiner Wahl zum Präsidenten.
Den gesellschaftlich nahe stehenden Dubcek verschonte der Staat. Nach der Invasion der Sowjetarmee und der Erstickung des Prager Frühlings von 1968 wurde er nicht einmal sofort vom Posten des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei abgesetzt. Als dies schließlich geschah, durfte er für ein Jahr als Botschafter ins Ausland gehen. Erst zwei Jahre später wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Aber auch damals blieb er nicht arbeitslos, weil er zum Direktor eines Forstreviers in der Slowakei ernannt wurde.
Dissident Havel konnte keine Arbeitsstelle finden, musste von ausländischen Honoraren und Inszenierungen seiner Dramen leben, denn in der Heimat wurden seine Werke natürlich weder aufgeführt noch veröffentlicht.
So unterschiedlich diese zwei Personen auch sein mögen, standen gerade sie für die Rückkehr ihres Heimatlandes vom missglückten sozialistischen Experiment zum Kapitalismus. Es ist sehr wohl möglich, dass dieser Übergang Dubcek, der bereits 1939 in die Kommunistische Partei eingetreten war, gegen den Strich ging. Doch er verhielt sich wie ein echter Politiker. Zwar konnte er auf seinem symbolischen Posten als Parlamentsvorsitzender die Entwicklung weder beeinflussen noch stören. Doch er wagte auch keinen Versuch mehr. Im November 1992 kam er bei einem Autounfall tragisch ums Leben. Den Zerfall der Tschechoslowakei sollte er nicht mehr erleben.
Vaclav Havel aber fand vor zwanzig Jahren seinen richtigen Ort, erfüllte seine wahre Vorbestimmung. Man hält ihn sehr zu Unrecht für einen Künstler, der zufällig an die Macht gekommen ist. In Wirklichkeit ist er ein geborener Politiker, der sich im Sozialismus nicht verwirklichen konnte. Deshalb reihte er sich unter die Dissidenten ein, das Schreiben war für ihn eine Art Sublimierung oder Ersatz für das politische Engagement. Seit er Präsident ist – zuerst der Tschechoslowakei und dann Tschechiens – hat Havel nichts mehr zu Papier gebracht.
In der Zeit des Zerfalls seines Landes trat Havel eine Zeitlang in den Hintergrund. Mit der echten Arbeit an der Teilung der Tschechoslowakei befassten sich zwei Ministerpräsidenten: Vaclav Klaus und Vladimir Meciar. Genau genommen hatte und hat seit den ersten Tagen der “sanften Revolution” der Regierungschef die wirkliche Macht in der Hand. Der Präsident dagegen lenkte den Staat nicht, er war ein Symbol der Macht, wie das in allen parlamentarischen Republiken ist.
Zugleich beschränkte sich Havel nicht auf die Rolle des Symbols nach dem Beispiel der britischen Königin oder anderer europäischer Monarchen. Er setzte seinen Kampf, nunmehr gegen die “Muttermale des Sozialismus”, unversöhnlich weiter. Paradoxerweise war er Präsident und Dissident zugleich.
Keinem anderen als Havel verdanken die Tschechen das vom Parlament 1991 verabschiedete grausame Gesetz über die Gesetzwidrigkeit des kommunistischen Regimes. Unter das Lustrationsgesetz fielen 140 000 Bürger der Tschechoslowakei, die von jeder Beschäftigung im Zusammenhang mit den staatlichen Strukturen erbarmungslos entlassen und vertrieben wurden. Jene, die sich nach dem Zerfall in der Slowakei wiederfanden, hatten mehr Glück, weil dort das Lustrationsgesetz abgeschafft wurde. Die Tschechen dagegen leiden bis heute darunter.
Übrigens hätte das Lustrationsgesetz wie ein Bumerang seinen wichtigsten Ideologen und Initiator fast getroffen. Die Kämpfer gegen die “kommunistische Infizierung” entdeckten Aufnahmen eines Verhörs von Vaclav Havel. Ein Mitarbeiter der Staatssicherheit hatte aufgrund des Verhörs geschlussfolgert, der Dramenschreiber sei “ein möglicher Kandidat für Zusammenarbeit”. Man kann sich vorstellen, wie viele ähnliche “Kandidaten ohne ihr Wissen” unter der erbarmungslosen Lustration gelitten haben.
Zehn Jahre lang war Havel tschechischer Präsident, um anschließend in die wohlverdiente Rente zu gehen. Doch blieb er sich treu und ist auch heute noch ein unversöhnlicher Dissident. Er kämpft gegen das “Gespenst des Kommunismus”, das er in Russland zu sehen glaubt. Ein typisches Zitat von ihm aus seinem jüngsten Interview: “Die Russen wollen unübersehbar die mitteleuropäischen Länder unter ihren Einfluss nehmen. Sie wollen entscheiden, ob wir der EU oder der Nato beitreten sollen oder nicht sollen. Sie wollen, dass wir sie für alles und jedes um Erlaubnis bitten.”
Nun, ein verdienter Dissident hat schließlich das Recht auf Nachsicht zu seinen Äußerungen. Alles, was er konnte, hat er gemeistert. Heute wird Politik in Tschechien von anderen, nicht so temperamentvollen Menschen gemacht.
Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti und BR übereinstimmen.
von Nikolai Troizki | RIA Novosti








