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von | 27.01.2010 | 10:35 ET in Europe

 

Die Geschichte der Juden im Baltikum – Jüdisches Leben in Litauen

Dieser Artikel ist Teil 1 von 3 Teilen der Serie Die Geschichte der Juden im Baltikum

Die Geschichte der Juden Litauens beginnt bereits im 8. Jahrhundert, als die ersten Juden sich in Litauen ansiedeln. Doch die Bedeutung des jüdischen Teiles der litauischen Bevölkerung entfaltet sich erst 600 Jahre später.

Einer Legende nach soll Großfürst Gediminas den Juden bereits um das Jahr 1320 ein Privileg erteilt haben. Das erste belegte Juden-Privileg stammt aus dem Jahr 1388 und betrifft die Juden der Stadt Trakai. Ein späteres umfassenderes Privileg, das den Juden unter anderem Freizügigkeit und freie Religionsausübung zusicherte, erhielt 1529 Verfassungsrang. Zu dieser Zeit hatten in Polen und Litauen schon zahlreiche Juden beachtliche wirtschaftliche Erfolge erzielt. Doch die ebenso rasche wie erfolgreiche Entwicklung des jüdischen Geschäftslebens sorgte zunehmend für Spannungen innerhalb der Bevölkerung.

Am Ende des 17. Jahrhunderts war der Widerstand gegen die Vormachtstellung der jüdischen Geschäftsleute so stark, dass es immer wieder zu Ausschreitungen und gewalttätigen Übergriffen kam. In der Mitte des 18. Jahrhunderts endete die jüdische Selbstverwaltung schließlich.

Vilnius – das „Jerusalem des Nordens“

Diese Synagoge in Vilnius hat als einzige den Holocaust überstanden und wurde 1993 wieder geöffnet.

Seit der Gründung im Jahr 1316 galt Vilnius als eine sehr liberale Stadt, die allen Glaubensrichtungen gegenüber tolerant war. So bot die Stadt im Laufe ihrer Geschichte vielen Juden eine Zuflucht. Im 16. Jahrhundert war Vilnius das Zentrum der jüdischen Kultur im Norden Europas.

Geprägt wurde die Stadt durch die Studien des berühmten Gaon von Vilnius. Elijah Ben Salomon Salman, so der bürgerliche Name des Gaon, hatte als Sohn einer Rabbiner-Familie eine umfassende Ausbildung genossen und war ein Verfechter der orthodoxen Lehre. Bald hatte er einen guten Ruf unter den Rabbinern von Vilnius erworben und erhielt den Titel „Gaon“, der Weise. Nicht zuletzt seinen Studien hatte Vilnius seine Bedeutung für das europäische Judentum zu verdanken.

Ein Denkmal für den Gaon von Vilnius

Zu dieser Zeit gab es in Vilnius über hundert Synagogen. Nur eine einzige von ihnen hat die Schrecken des Zweiten Weltkrieges überstanden. Das Ende des pulsierenden jüdischen Lebens in Vilnius begann mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Juni 1941.Bis zum 13. Juli 1944 gehörte die Stadt unter deutscher Besatzung zum Reichskommissariat Ostland. In der Altstadt von Vilnius richteten die Deutschen das Ghetto Vilnius ein. Nach der Schließung des kleineren Teiles dieses Ghettos im Oktober 1941 wurden mehrere zehntausend Juden in einem Waldstück westlich der Stadt hingerichtet. Der andere Teil des Ghettos bestand bis zum Jahr 1943, auch hier kamen tausende Juden im Rahmen sogenannter Aktionen ums Leben. Nach der Schließung des Ghettos wurden die verbliebenen Juden in Konzentrationslager deportiert und später dort ermordet. Lebten 1937 noch mehr als 150.000 Juden in Litauen, so waren es nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch etwa 5000.

Bilder in den Fenstern dieses Gebäudes auf dem Gelände der Großen Synagoge von Vilnius erinnern an die zerstörte Synagoge

Das jüdische Leben der Stadt wurde brutal ausgelöscht. Wo einst jiddische Laute auf den Straßen dominierten, hört man sie heute nur noch selten. Die Menschen, die die Altstadt von Vilnius so lange geprägt haben, sind verschwunden, wurden ermordet und vertrieben. Die wenigen Überlebenden des Holocaust tragen zusammen, was heute vom jüdischen Leben in Vilnius erhalten ist. Das jüdische Museum in Vilnius beherbergt neben zahlreichen anderen Exponaten auch eine Sammlung von Erinnerungsstücken der Großen Synagoge der Stadt. Doch die Aufarbeitung der Geschichte der multikulturellen Bevölkerung von Vilnius, die Geschichte der Litauer, Polen, Juden, Weißrussen und Russen der Stadt wird lange andauern, müssen doch zahlreiche unterschiedliche Wahrnehmungen vereint werden.

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Fotos: Kontis Satunas, Moacir P. de Sá Pereira, Loraine

Andrea Fiedler-Boldt, Jahrgang 1980, studierte in Köln und Bochum unter anderem Geschichte, Judaistik und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie arbeitet als freiberufliche Texterin und Journalistin und ist seit Januar 2010 für die Baltische Rundschau tätig.
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Andrea Fiedler-Boldt
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