Rund 70 Staaten haben sich bei der Afghanistan-Konferenz am Donnerstag in London verständigt, mehr Truppen und Finanzhilfen für Afghanistan bereitzustellen. Doch allein mit dieser Strategie kann kein Frieden erreicht werden, meinen Kommentatoren.
Trouw – Niederlande
Der Plan des Westens, viel Geld in ein Aussteigerprogramm für aufständische Taliban-Kämpfer zu stecken, sendet ein falsches Signal, schreibt die Tageszeitung Trouw:
“Echte Taliban-Führer sind noch nie auf Karsais Einladungen eingegangen, weil sie als gewalttätige Fundamentalisten daran überhaupt kein Interesse haben. Der Afghanistan-Blogger von Trouw Haroon Parvani betonte einmal: ‘Reden mit Taliban? Dann sind es keine Taliban mehr.’ Die Tür muss für junge Afghanen offen bleiben, denen es Leid tut, bei den Taliban mitzulaufen. Für sie gibt es bereits verschiedene Reintegrationsprogramme. Aber die internationale Gemeinschaft wäre gut beraten, keine großen Summen nur für ein Aussteigerprogramm für Taliban-Kämpfer bereit zu stellen. Das wäre auch ein falsches Signal an die zehntausenden Afghanen, die sich manchmal unter Lebensgefahr bei der Polizei, der Armee, in der Verwaltung oder dem Bildungswesen für eine stabile, friedliche Gesellschaft einsetzen.” (29.01.2010)
Dziennik Gazeta Prawna – Polen
Neben dem von der Nato finanzierten Aussteigerprogramm für Taliban-Kämpfer in Afghanistan müssen noch weitere Zugeständnisse folgen, fordert die Tageszeitung Dziennik Gazeta Prawna:
“Bisher hat der Westen den Krieg und Hilfsprogramme finanziert. Doch das ist ein Weg, der nirgendwo hinführt. Damit können wir nicht gewinnen. Die Konferenz in London hat endlich die entscheidende Frage gestellt: ‘Wie kann man die Taliban davon überzeugen, nicht weiter gegen uns zu kämpfen? Die Nato-Staaten und die afghanische Regierung haben beschlossen, sie zu kaufen. Das reicht jedoch nicht, denn es sind noch weitere politische Zugeständnisse notwendig: die Zulassung der Taliban zu Parlamentswahlen, die Entfernung des Amtes des Statthalters, der Präsident Hamid Karzai ja geworden ist, die Bildung einer Regierung der Versöhnung mit der Beteiligung der Rebellen und der teilweise Abzug der westlichen Truppen, damit dieser Prozess glaubwürdig wird.” (29.01.2010)
Delo – Slowenien
Die internationale Gemeinschaft verfolge die falsche Strategie in Afghanistan, wenn sie die radikal-islamische Bewegung Taliban mit Finanzhilfen bekehren möchte, glaubt die Tageszeitung Delo:
“Auf der Konferenz in London … hat man sich dem Anschein nach richtig entschieden, dass eine stabile Zukunft Afghanistans nur möglich ist, wenn die Afghanen selbst darüber entscheiden. Doch die Art und Weise, wie sich die internationale Gemeinschaft auf den Weg zu Stabilität und Frieden in Afghanistan begeben hat, ist völlig verfehlt. Die Taliban, deren Einfluss von Tag zu Tag wächst, haben immer wieder betont, dass eine Zusammenarbeit mit der Regierung in Kabul nur möglich ist, wenn alle ausländischen Soldaten aus dem Land abziehen. Deshalb ist es illusorisch und lebensgefährlich von den Taliban zu erwarten, dass sie ein derartiges Angebot der überheblichen Ausländer annehmen. Der Kampf der Rebellen ist eben keine Prostitution und der Preis für Freiheit, Stabilität und Frieden in Afghanistan wurde nie in Euros oder Dollars, sondern in der Zahl der meist zivilen Opfer angegeben.” (29.01.2010)
Frankfurter Allgemeine Zeitung – Deutschland
Nach der Londoner Afghanistan-Konferenz ist vom angekündigten Wechsel in der Afghanistan-Strategie wenig zu sehen, kritisiert die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung:
“Tatsächlich glaubten auch Amerikaner und Briten nie, Afghanistan lasse sich allein mit militärischen Mitteln befrieden.
… So epochal, wie insbesondere die [deutsche] Bundesregierung tut, ist der ‘Strategiewechsel’ nicht. Der Westen verfolgt in Afghanistan immer schon ein Doppelkonzept, wenn auch, nach den Gegebenheiten, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die Amerikaner warteten, das zeigen ihre im vergangenen Jahr geänderten Einsatzrichtlinien, allerdings nicht erst auf eine weitere Afghanistan-Konferenz, um Konsequenzen aus ihren Fehlern zu ziehen. Die Europäer aber konferieren gerne.
… Von London sollte für die kriegsmüden Völker das Signal ausgehen, dass sich alle, auch die Afghanen, noch einmal kräftig anstrengen müssen, die Sache damit aber zu einem Ende gebracht werde.” (29.01.2010) | erurotopics
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