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Bei manchen ist Empathie ins Geld gesunken – eine stinkreiche Geschichte aus Estland

Veröffentlicht von Aino Siebert on Feb 3rd, 2010 und gespeichert unter Estland, Featured. Sie können Kommentare über die Artikel hier mitverfolgen: RSS 2.0. Beides, Kommentare und Pings sind derzeit nicht möglich.

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Kultusministerin Laine Jänes setzte sich für Maris Johannes ein

Ich wohne seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland und mir kam es schon immer vor, dass die Deutschen die Weltmeister in Sachen Ehrenamt und Charity sind. Egal, ob man sich beim Wein, Sport, oder in der Schule oder bei Konzerten trifft, überall wird für gute Zwecke gesammelt oder einfach angepackt. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten spenden die Deutschen gerne für Hilfsbedürftige, so wie aktuell für die Notleidenden der Erdbebenkatastrophe in Haiti.

Auch für Millionäre ist es eine Ehrensache Schwächeren zu helfen, fast jeder reiche Mann oder Frau betreut oder betreibt persönlich ein Hilfsprojekt: Milliardär Dietmar Hopp und Fußballkaiser Franz Beckenbauer helfen durch eigene Stiftungen – sie möchten der Gesellschaft, in der sie so viel erreicht haben, etwas zurück geben –, die russische Sopranistin „primadonna assoluta“ Anna Netrebko sammelt Geld für die Straßenkinder in St. Petersburg und namhafte Sportler haben sich in der Hilfsorganisation Laureus vereinigt – um hier einige Beispiele zu nennen.

Die Deutschen helfen auch estnischen Kindern

Vorbildlich zeigte sich auch das Ehepaar Heck, das im Jahre 1992 den Grit Jordan Verein e.V. gründete. Als ich zum ersten Mal Ragnhild und Dieter Thomas Heck im Jahre 2002 in Landau (Pfalz) traf, sammelten sie mit einem Benefizkonzert Geld für „die vergessenen Kinder von Tallinn“ – Schirmherr dieser Veranstaltung, auf der Mara Kaiser, Wolfgang Petersen und viele andere ohne Honorare sangen, war der Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz, Kurt Beck (SPD).

Nach der Veranstaltung erzählte mir Ragnhild Heck: „ Aus einem kurzen Brief an meinen Mann entwickelte sich Anfang der 1990er-Jahre eine unglaubliche Solidarisierungswelle. Kurz nach der Wende bat Grit Jordan, die bis dahin in der DDR 17 Mal erfolglos operiert wurde, in einem Brief um Hilfe. Keine Krankenkasse wollte die neue Bundesbürgerin aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation aufnehmen obwohl sie, um überhaupt überleben zu können, auf eine andauernde medizinische Versorgung angewiesen war.

Die Familie Heck sagte spontan Unterstützung zu. In verschiedenen Veranstaltungen wies der populäre Entertrainer, Sänger und Schauspieler Dieter Thomas Heck immer wieder auf die Situation von Grit Jordan hin und forderte seine Gäste zu Spenden auf. Durch den dadurch ausgelösten Medienrummel erklärte sich nun auch eine Krankenkasse bereit, Grit Jordan aufzunehmen.  Mit den dadurch frei gewordenen Spendengeldern gründeten die Hecks mit vielen Freunden und Bekannten den Grit-Jordan-Verein e.V.

Dieter Thomas Heck: “Wer im Leben viel Glück hatte, sollte davon abgeben”

Seit 12 Jahren engagiert sich der Verein für die “vergessenen Kinder von Tallinn”, die zur Zeit der russischen Besatzung als lebensunfähig deklariert und in Heime abgeschoben wurden. Behinderte Säuglinge wurden weder medizinisch noch menschlich betreut. Als der Moderator und seine Frau über diese Situation durch  eine in Berlin lebende Estin hörten, war für sie klar: hier wollten sie helfen. Dieses umso  mehr, als sie hörten, dass nicht nur drei, sondern 80 behinderte Kinder dringend Hilfe benötigten. Seit diesem Zeitpunkt engagierte sich der Grit Jordan Verein e.V. für kranke Kinder die Querschnittslähmung (Spina bifida) oder einen sogenannten Wasserkopf (Hydrocephallus) oder Schädeldeformationen haben.

Schon im Mai 1998 begleiteten Dieter Thomas Heck und seine Frau Ragnhild einen ersten Hilfskonvoi mit notwendigen medizinischen Geräten nach Estland. Zwei Spezialisten aus der Charité in Berlin, Prof. Dr. Hannes Haberl (Neurochirurg) und Herr Dr. Michael (Spezialist für Querschnittslähmung) operierten die betroffenen Kinder gratis und bildeten ihre Kollegen in der estnischen Hauptstadt aus. Aus der ersten Patientin, Marielle Kõrvits ist eine schöne junge Studentin geworden. Darüber hinaus versorgte der Verein die Kinder in Estland immer wieder mit Rollstühlen und anderen Fortbewegungsmitteln, weil gerade auf diesem Sektor in Estland ein erheblicher Bedarf bestand. Später ließen die Helfer estnische Orthesenmacher in Deutschland ausbilden.

Am 7. März 2008 weihten Ragnhild und Dieter Thomas Heck in der kleinen Kurstadt Haapsalu ein Jugendwohnheim für behinderte Kinder im Alter von 18 – 20 Jahren ein, die aus ihrem Kinderheim aus Altersgründen ausziehen mussten. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinerlei Möglichkeiten, verwaiste Teenager in einem Jugendheim unterzubringen.

Dieter Thomas Heck: “Ich war zu Tränen gerührt, als sich die Kinder bei uns bedankt haben. Es ist doch einfach das Schönste, diesen jungen Menschen helfen zu können.” Auch Ragnhild Heck, die nach einer langen schweren Krankheit wieder reisen konnte, war dieser Meinung: “Es ist einfach toll, dass wir nach so vielen Jahren endlich das Kinderheim eröffnet haben und ich diesmal persönlich mit dabei sein konnte. Das Ganze liegt mit sehr am Herzen und wir werden uns auch weiterhin in der Zukunft um unsere Kinder in Estland kümmern.”

Müssen wir auch für die estnische Millionäre Spenden sammeln?

Die Esten sind gewohnt, dass Ausländer, wie Ehepaar Heck, aber auch im Ferne lebende Landsleute ihnen helfen. Und so vergisst die Öffentlichkeit, inklusive der Medien zu oft, dass es auch in Estland Millionäre gibt, die rein portemonnaie-mäßig gesehen, eigenen Mitbürgern exzellent unter die Arme greifen könnten. Sie tun das aber sehr selten – oder gar nicht.

Noch vor Weihnachten (2009) erschien in den estnischen Medien ein öffentlicher Brief, in dem die Unterstützung für die Radiojournalistin und Vorstandmitglied des Journalistenverbandes Maris Johannes erbeten wurde – der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat die Dame, die seit kurzem auch als Vertrauensperson wirkte, im Zuge des Personalabbaus entlassen.  Aus diesem Schreiben ging nicht eindeutig hervor, wen man eigentlich unterstützen sollte – die Redakteurin Maris Johannes, die sehr an ihrer Sendung „Keelekõrv“ (Sprachohr) hing oder die Gewerkschaftlerin Maris Johannes, die ihre Betriebsschützlinge  nicht im Stich lassen wollte.

Trotz dieser Unklarheit gelang es der entlassenen Redakteurin, eine große Menge Sympathisanten für sich zu gewinnen – den Protestbrief unterschrieben mehr als 300 Personen, vor allem Leute aus den Bildungskreisen. Auch Kulturministerin Laine Jänes ergriff das Wort und bat die Rundfunkverwaltung, ihre Entscheidung zu überdenken. Auffällig war jedoch, dass keine im Ausland lebenden estnischen Kollegen Maris Johannes unterstützten.

Einige Tage später kam eine öffentliche Antwort vom Rundfunkchef Margus Allikmaa, wo er mitteilte, dass neben Maris Johannes noch weitere 49 ihrer Kollegen wegen Zahlungsschwierigkeiten (der Rundfunkanstalt) verabschiedet werden mussten: „Bei jeder Entscheidung haben wir gründlich überprüft, dass die Entlassenen nicht in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten.“ Diesen Hinweis haben zu diesem Zeitpunkt nur wenige verstanden.

Was nach diesem öffentlichen Briefwechsel hinter den Kulissen vorging, wissen natürlich nur die Kontrahenten – Maris Johannes und Margus Allikmaa selbst. Es erfolgte eine Wiedereinstellung mit stark verkürzter Arbeitszeit und fast ohne Zuwendungen, so dass Johannes ihre Sendung weiter moderieren konnte und weiterhin als Vertrauensperson der Belegschaft wirken durfte. Es schien so, als wäre die Welt wieder in Ordnung. Aber als alle sich noch von dem Stress erholten, ließ das Nachrichtenportal Delfi die Bombe platzen: Maris Johannes ist Millionärin, sie hat nach dem Tod ihres Vaters Aktien von mehreren Firmen (u.a. Espak) geerbt, deren Wert laut der Zeitung Äripäev auf 167 Millionen Kronen (ca. 10 Millionen Euro) beziffert wird. Somit ist die Radiojournalistin auf der Liste der estnische Millionäre auf Platz 263. Hinter ihr stehen der Aufstellung zufolge, solche bekannte Namen wie Armin Kõomägi, Tarmo Sumberg, Tullio Liblik und Tõnis Palts.

Viele Fragen, keine Antworten

Maris Johannes selbst versteht die Welt nicht mehr: „Geld bedeutet für mich nichts, ich liebe meine Sendung,“ sagt sie. Das darf sie natürlich auch, keine Frage. Aber als Radiojournalistin und Gewerkschaftlerin muss es ihr doch nicht entgegangen sein, dass zur Zeit in Estland die Arbeitslosenquote bei 17 Prozent liegt. Viele Esten müssen, um ihre Familien überhaupt ernähren zu können, im Ausland Arbeit suchen – sie tauchen natürlich in der offiziellen Arbeitslosenzahlen nicht auf.  Tausende zittern weiterhin um ihren Arbeitsplatz, darunter viele Journalisten. In dieser Situation hat die Millionärin aber Mitleid nur mit sich selbst – auf meine Anfrage schrieb sie mir: „Ich habe eine alte Mutter zu versorgen, meine Tochter studiert“ – einen Moment lang hatte ich das Gefühl, ihr geht es so schlecht, dass ich für sie einen Spendenaufruf starten muss.

Mir geht es nicht aus dem Kopf – warum hat die Millionenerbin kein Mitgefühl mit den eigenen Landsleuten und mit ihren Kollegen? Ist dieses im geerbten Geld versunken?

Als privilegierte Journalistin muss sie doch lesen, hören und sehen können wie die reale Welt um sie aussieht: Die estnische Arbeitslosen bekommen von Staat ca. 300 Euro monatliche Unterstützung und das auch nur sechs Monate lang. Danach muss jeder selbst schauen, wie er oder sie zurecht kommt.  Mich erreichten schon zwei Meldungen mit Hilferufen – eine Familie mit drei Kleinkindern steht vor dem Rauswurf aus dem Eigenheim, denn durch die Arbeitslosigkeit des Mannes können sie nicht mehr ihre Kredite zahlen. Ein anderer, gestern bekannt gewordener Fall ist noch schlimmer – zwei Internatsschulen in Süd-Estland bitten Kleider und Hygienemittel zu spenden. Es scheint, dass die Situation der 1990er Jahre wieder eingetreten ist – nicht nur der kalte Winter, sondern auch die extreme Wirtschaftskrise halten Estland fest im Griff.

So müsste Maris Johannes eigentlich doch verstehen, dass die vielen ihrer Schützlinge im Betrieb und auch ihre Unterstützer sich jetzt belogen und betrogen fühlen, weil es Unzähligen viel, viel schlechter geht und sie gezwungen sind, ihr Geld zu zählen.

Und vor allem die Frage: Warum muss man im Ausland um Hilfe bitten, wenn in Estland so viele eigene Millionäre leben, die aber wohl unfähig sind, die Welt außerhalb  ihres Sandkastens wahrzunehmen?

Natürlich habe ich alle diese Fragen auch Maris Johannes selbst gestellt –  erklärende Antworten blieben aber aus. Alles drehte sich nur um sie selbst, kein (mitfühlendes) Wort – der Vertrauensperson – über die entlassenen oder die beurlaubten  Mitarbeiter von Firmen, bei denen sie bei einer sogar zu den Eigentümern gehört. Ich versuchte auch Stellungnahmen von dem Vorsitzenden des estnischen Journalistenverbandes, Peeter Ernits und seinem Gewerkschaftskollegen Ago Tuuling zu erreichen – die Herren zogen es jedoch vor zu schweigen. In Deutschland benutzt man dazu das Wort „Machtarroganz“, was nicht unbedingt ein Beweis von Führungsstärke ist.

Estland ist seit 1991 wieder unabhängig, aber Demokratieprinzipien sind in zu vielen Köpfen noch nicht angekommen. Wie mir ein Medienwissenschaftler vor einigen Jahren in einem Interview sagte: „Die Esten sind wie Kellerasseln im Tageslicht“ – das Zitat stammt aus einem Gedicht von Hando Runnel. Der Dichter wollte damit sagen, dass die Menschen sehr lange in der Dunkelheit des Kellers (Sowjetsystems) leben mussten und jetzt nicht wissen, wie man sich im Tageslicht (Demokratie) verhalten muss. In der globalen Wirtschaftskrise müssen aber auch die Esten lernen, dass es eine sehr alte christliche Tradition und Moral ist, dass die stärkeren den schwächeren helfen. Die Esten müssen lernen in der jetzigen weltweiten Krise selbst ihre Schicksale in die  Hand zu nehmen, neue Ideen zu entwickeln und zu lernen – in dem Land, auf das sie immer stolz waren – auf eigenen Füßen zu stehen.

Und so wäre es auch die Aufgabe der Millionärin Maris Johannes, genau so wie ihrer reichen Kollegen, die in der Top-Ten-Liste vor und nach ihr stehen, sich für andere einzusetzen, statt die Öffentlichkeit egoistisch nur für sich selbst zu mobilisieren.

Autorin: Aino Siebert, freiberufliche Journalistin, Karlsruhe

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