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Die Geschichte der Juden im Baltikum – Juden in Lettland

Veröffentlicht von Andrea Fiedler-Boldt on Feb 16th, 2010 und gespeichert unter Featured, Geschichte, Lettland. Sie können Kommentare über die Artikel hier mitverfolgen: RSS 2.0. Beides, Kommentare und Pings sind derzeit nicht möglich.

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Bereits im Mittelalter siedelten sich Juden im heutigen Lettland an. Die ältesten Verweise auf Juden in Kurzeme und Vidzeme belegen jedoch, dass Juden keineswegs willkommen waren.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts verbot Siegfried von Feuchtwangen, der Hochmeister des Deutschen Ordens, den Juden das Land des Ordens zu betreten. Sowohl der Orden als auch die Bischöfe von Riga und Kurzeme sahen die Juden als Feinde des Christentums an, dessen Vormachtstellung sie bewahren wollten.

300 Jahre später standen Vidzeme und Riga unter der Herrschaft Schwedens. Dessen König, Gustav II. Adolf, verbot den Juden, sich in Vidzeme niederzulassen und dort Handel zu treiben. In dieser Zeit durften Juden einzig in der Region um Piltene siedeln. Dort waren ihnen neben dem Erwerb von Grundstücken und Häusern auch Handel und Handwerk erlaubt. Diese Rechte behielten die Juden auch, als Piltene unter polnische Herrschaft fiel. Diese günstigen Bedingungen zogen zahlreiche Juden aus Deutschland in die Region. Mit dem Wachsen der jüdischen Bevölkerung in dieser Region begann die Geschichte der lettischen Juden.

Karte der historischen Regionen Lettlands (Karte: Roalds)

Die Juden in Kurzeme

Nicht nur für die Juden war die Aufenthaltsgenehmigung von Vorteil, die der polnische Herzog ihnen gewährte. Auch der Herzog selbst profitierte davon: er beauftragte die Juden mit der Eintreibung von Zöllen und Steuern und lieh sich Geld von wohlhabenden jüdischen Händlern. Auf diese Weise erwirtschaftete er die finanzielle Grundlage zahlreicher Unternehmungen.

Den deutschen Handwerkern und Händlern waren die Juden bald ein Dorn im Auge. Sie fühlten sich bedroht durch die wirtschaftliche Kraft der Juden. Wann immer jemand keinen persönlichen Nutzen aus der Tätigkeit eines Juden ziehen konnte, forderte er, diese einzuschränken.

Immer häufiger wurden Juden in bestimmte Viertel oder Straßen zurückgedrängt oder zur Umsiedelung auf das Land gezwungen. Dennoch wurden die Juden ganz allmählich zu einem festen Bestandteil der Bevölkerung von Kurzeme. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden ihnen sogar der Bau einer Synagoge in Aizpute und die Errichtung eines Friedhofes in Jelgava gewährt. Zwar wurden in der Mitte des 18. Jahrhunderts alle Juden aus Kurzeme ausgewiesen, als der judenfreundliche Herzog Ernst Johann Biron abgesetzt wurde, aber sie kamen schon bald zurück. Zum einen waren die russischen Behörden bestechlich, zum anderen war man auf ihr Fachwissen in finanziellen Angelegenheiten angewiesen.

Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Juden Kurzeme, darunter viele Handwerker und Händler, aber auch viele Intellektuelle. So waren die Juden nicht nur an der Errichtung zahlreicher Bauwerke beteiligt, sondern bereicherten auch das kulturelle Leben Kurzemes. Die Reformbewegung haskala forderte die Juden auf, sich zu integrieren und aktiv an den kulturellen Veranstaltungen des Gastgeberlandes teilzunehmen. Am Ende des 18. Jahrhunderts waren 22 % der Bevölkerung Jelgavas Juden und Kaiser Paul verlieh ihnen schließlich im Jahr 1799 die Bürgerrechte.

Juden in Vidzeme

Die Teilnahme jüdischer Händler am Leben in Riga ist seit 1536 schriftlich belegt. Da die Juden die Stadt jeden Abend verlassen mussten, errichteten sie 1638 in der Nähe eine unabhängige Siedlung. Da die jüdischen Händler auch den königlichen Hof mit Waren versorgten, gewährte man ihnen Mitte des 18. Jahrhunderts eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung. Sechs Wochen lang durften jüdische Handwerker und Händler mit ihren Familien in Riga leben. Da die Juden wichtig waren für das wirtschaftliche Leben der Stadt, gab man ihren Petitionen in St. Petersburg nach und erfasste die schon ansässigen Juden im Jahre 1841 in den örtlichen Bürgerlisten. Im Gegenzug mussten die Juden auf ihren traditionellen Kleidungsstil verzichten.

Jüdisches Leben im 19. Jahrhundert

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation für die lettischen Juden. Die positiven Entwicklungen in der Industrie und die wachsende Bedeutung der Marktwirtschaft förderten die Handels- und Handwerkstätigkeiten der Juden. Sie belebten den Handel zwischen Stadt und Land und wurden so zu wichtigen Versorgen der Bevölkerung in abgelegenen Teilen des Landes. Nicht nur wirtschaftlich profitierten die Juden davon, die von nun an offiziell Immobilien in Riga und anderen Städten kaufen durften und sogar den Handels- und Handwerkergilden beitreten durften. Auch die Beziehung zur lettischen Bevölkerung verbesserte sich zunehmend.

Die Juden trieben erfolgreich Handel, auch über die Grenzen des Landes hinaus, und wurden allmählich Teil einer starken Mittelschicht. Besonders wohlhabende Juden gründeten Bankhäuser und beteiligten sich an Finanzgeschäften.

Der Erfolg der jüdischen Bevölkerung sorgte dafür, dass immer mehr Juden aus anderen Ländern, beispielsweise Litauen und Weißrussland, zuzogen.

Später, unter Alexander II., wurden Juden, die nicht in den Bürgerlisten einer Stadt standen, ausgewiesen. Außerdem wurden nur noch Juden mit bestimmten Berufen in die Listen aufgenommen.

Im Gegensatz zur weltlichen Obrigkeit unterstützten geistliche Führer den immer wieder aufkommenden Antisemitismus nicht und forderten Letten und Juden auf, einander zu unterstützen. So entwickelten sich – wie in vielen Ländern – zwei Strömungen, eine judenfeindliche und eine judenfreundliche, unterstützende.

Die Juden Lettlands im 20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten etwa 140.000 Juden in Lettland. In einigen Städten, wie Rezekne und Ludza, waren mehr als die Hälfte aller Einwohner Juden. In allen sozialen Schichten fanden sich Juden, am Polytechnikum in Riga waren 10% der Studenten Juden. Unter den tausenden Juden, die als einfache Arbeiter und Handwerker tätig waren, verbreiteten sich die Ideen des Sozialismus schnell und um das Jahr 1900 gründeten sich Zellen der jüdischen Arbeiterpartei Bund, die 1897 in Vilnius gegründet worden war. Während der sogenannten „Lettischen Revolution“ 1905 bis 1907 kämpften jüdische, lettische und russische Revolutionäre Seite an Seite, um den Zaren zu stürzen. Lettische und jüdische demokratische Kräfte kooperierten seitdem.

Die Synagoge in Riga vor 1906 (Quelle: Jewish Encyclopedia)

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte sich die Zahl der Juden in Lettland stark erhöht. Etwa 30.000 Juden waren nach Lettland gezogen, da die Industrie einen enormen Aufschwung erlebt hatte und Arbeitskräfte gefragt waren. Etwa 21.000 Juden lebten in Riga, 68.000 in der Region Kurzeme und weitere 80.000 in der Region Latgale.

Die jüdische Bürgerschaft hatte zu Beginn des Krieges ebenso wie die lettische Bevölkerung ihre Loyalität zu Russland erklärt. Dennoch wurden nach der Niederlage der Roten Armee Gerüchte verbreitet, die Juden hätten den Deutschen durch Spionage zum Sieg verholfen. Während die Russen so ihre Niederlage rechtfertigten, wurden alle Juden aus den Frontgebieten ausgewiesen. Etwa 125.000 Juden verließen in dieser Zeit Lettland.

Als am 18. November 1918 die Republik Lettland ausgerufen wurde, erhielten auch die Juden, die noch in Lettland lebten, die vollständigen Bürgerrechte. Sie erhielten das Wahlrecht ebenso wie das Recht, öffentliche Ämter zu bekleiden oder politische Organisationen zu gründen. Sie behielten ihre kulturelle Eigenständigkeit und hatten unter anderem das Recht, eigene Zeitungen herauszubringen.

In den kommenden Jahren zogen wieder mehr Juden in die Städte Lettlands. In Riga stieg ihre Zahl von 24.000 auf 44.000. Unter ihnen waren nicht mehr hauptsächlich Handwerker, sondern viele Bedienstete und Arbeiter, aber auch Geschäftsleute und Unternehmer mit mittelgroßen bis großen Betrieben.

Zwar machten die Juden nur 5% der Gesamtbevölkerung aus, dennoch waren mehr als 35% des privaten Besitzes in jüdischer Hand. Die wirtschaftliche Macht der Juden und ihre Kontakte mit ausländischen Geschäftsleuten trugen wesentlich zur Erneuerung der lettischen Wirtschaft bei.

Doch neben den reichen Juden, die sich Häuser und Autos leisten konnten, gab es auch eine Vielzahl jüdischer Bürger, die sehr arm und auf Unterstützung angewiesen waren. Diese erhielten sie von religiösen Organisationen und jüdischen Stiftungen.

Viele Juden erklärten Lettland zu ihrer Heimat, und so beteiligten sich viele jüdische Organisationen am politischen Leben des Landes, am konstitutionellen Aufbau ebenso wie an den Parlamentswahlen.

Viele Juden zog es jedoch nach Palästina, und auch David Ben-Gurion ermutigte die Juden bei einem Besuch in Riga, in ihr Heimatland zu ziehen.

Auch in Bildung und Kultur erlebten die lettischen Juden einen Aufschwung. Die Zahl der jüdischen Schulen stieg ebenso an wie der Anteil der jüdischen Studenten an lettischen Universitäten. Das Ausbildungsniveau der Juden war hoch und sie brachten einige berühmte Wissenschaftler hervor, unter anderem den Mediziner Vladimir Mintz.

1941: Juden und Kommunisten werden in Riga verhaftet. (Foto: Zeitung "Tēlgava")

Die Ereignisse des Jahres 1939 ließen die Juden in Lettland aufschrecken. Die Angst vor einem Angriff der deutschen Truppen auf die baltischen Staaten wuchs. In dieser Situation erhofften sie sich Unterstützung durch die Sowjetunion. Selbst als sowjetische Truppen im Jahr 1940 Lettland besetzten, begrüßten viele Juden dies, weil sie sich Unterstützung gegen die Deutschen erhofften. Sie vertrauten ihrem Bild der Sowjetunion und wussten nichts vom stalinistischen Terror, durch den auch zahlreiche Juden ihr Leben verlieren sollten.

Während der sowjetischen Besatzung wurden viele Juden enteignet, jüdische Vereine und Organisationen wurden aufgelöst. Im Juni des Jahres 1941 wurden etwa 5.000 Juden verschleppt, die meisten von ihnen fanden in der UdSSR den Tod. Als die Deutschen 1941 in Lettland einfielen, hatten es nur etwa 15.000 Juden geschafft, den Verschleppungen zu entgehen. Wer in Lettland geblieben war, wurde Opfer des Holocaust.

Da der Antisemitismus in den baltischen Staaten nicht so ausgeprägt war wie in den anderen Staaten der Sowjetunion, kehrten viele Juden nach dem Zweiten Weltkrieg in ihre Heimat zurück. In den 70er Jahren lebten etwa 35.000 Juden in Lettland, davon 30.000 in Riga. Doch unter der Kommunistischen Partei war es ihnen verboten, ihre Schulen weiterzuführen oder kulturelle Veranstaltungen durchzuführen.

Im September 1990 wurde eine Deklaration verabschiedet, die den Antisemitismus und den Genozid in Lettland verurteilte. Das Leben von Letten und Juden in Lettland sollte fortan friedlich und respektvoll gestaltet werden und keinen Raum für Hass bieten. Im Zuge dieser Deklaration wurden zahlreiche Denkmäler errichtet, die an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erinnern.
Nachdem Lettland im August die vollständige Unabhängigkeit erlangte, wanderten viele Juden nach Israel oder in den Westen aus. Der Großteil aber entschloss sich, weiterhin in Lettland zu leben.

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