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Hockenheim Historic 2010 – mit estnischem Rennstall

Veröffentlicht von Aino Siebert on Apr 21st, 2010 und gespeichert unter Estland, Featured, Nachrichten, Sport. Sie können Kommentare über die Artikel hier mitverfolgen: RSS 2.0. Beides, Kommentare und Pings sind derzeit nicht möglich.

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v.l. Ing. Jaak Pipar, Toomas Annus und Oskari Kukki-Suoni bewerten die Renndaten

v.l. Ing. Jaak Pipar, Toomas Annus und Oskari Kukki-Suoni bewerten die Renndaten

Fast 25 000 Autosportliebhaber kamen am letzten Wochenende zur “Hockenheim Historic – In Memory of Jim Clark” auf dem Hockenheimring und erlebten dort bei strahlendem Sonnenschein einige spannende Tage zusammen mit Rennlegenden, Hobbypiloten und Zukunftsstars des Motorsports.

Soweit das Auge reichte waren auf dem Motodrom, der Boxengasse und dem Pilotenlager noble Oldtimer-Rennwagen oder Maschinen mit modernster Technik zu bewundern, ein Objekt faszinierender als das andere. Und mit welcher Leidenschaft die Boliden gehegt und gepflegt wurden! Mit großer Begeisterung wurde diese Wagenflotte von den Fans fotografiert und viele Anhänger gingen energisch auf Autogrammjagd. Ein besonderes Vergnügen bereitete es, mit den Rennen selbst mitzufiebern und ich bin mir sicher, dass nicht nur bei den Piloten, sondern auch bei vielen Zuschauern der Adrenalinspiegel in die Höhe stieg.

Mechaniker Andrus Laur (l.) und Aivar Heidemaa (r.) in er Mitte Toomas Andrus

Mechaniker Andrus Laur (l.) und Aivar Heidemaa (r.) in er Mitte Toomas Andrus

Team Scuderia Nordica aus Estland

Zum dritten Mal war das estnisches Team Scuderia Nordica, Rennstall von Marek Kiisa und seinem Partner Toomas Annus, auf der “Hockenheim Historic” präsent.

Marek ist der Sohn des berühmten Motorradpiloten Endel Kiisa, der während seiner aktiven Karriere zwei Mal zum Champion der Sowjetunion gekrönt wurde und sechs Mal bei den Meisterschaften der UdSSR Silber und genau so viele Male Bronze gewann. Kiisa Senior war auch im Westen erfolgreich. Preise brachte er unter Anderem vom Nürburgring, vom Hockenheimer Motodrom und aus Monza in die Heimat mit. Wie viele Piloten hat auch Marek Kiisa die Renngene seines Vaters geerbt. Obwohl er auf Wunsch der Familienoberhaupts an Stockholmer Technischen Universität Maschinenbau studierte und danach auch einige Jahren als “normaler” Ingenieur arbeitete, ließ die Rennstrecke ihn nie so richtig los.

Teamchef Marek Kiisa

Teamchef Marek Kiisa

So gründete er vor vier Jahren ein eigenes Team, um junge Autosporttalente zu fördern. “Wir haben unser Ziel klar vor Augen – unsere Aufgabe ist es, aus Motorsportnachwuchs schnelle Jungs „zu backen“.” sagt Marek Kiisa, der ebenfalls selbst, wie auch sein Partner, gerne bei jeder Gelegenheit in den Rennwagen steigt. Als Fahrzeugingenieur konnten sie Jaak Pipar verpflichten, der noch 2004 in der Serie Formel Baltic Dritter mit der Formel Bowmann wurde.

Zu Mannschaft gehören noch die Mechaniker Aivar Heidemaa und Andrus Laur, die nicht selten 12 und mehr Stunden pro Tag arbeiten müssen. “Es aber geht niemanden wesentlich  ums Geld,” versichern alle, “sondern um den Motorsport selbst.”

Erste Erfolge konnte das Team schon buchen: Tõnis Vanaselja gewann im letztem Jahr den österreichischen Formel-Renault-Cup. Diesmal war Oskari Kurki-Suoni erfolgreich. Der 17-jährige Finne überfuhr in Hockenheim in der A.v.D. Interserie Austria Formel 3 Cup zwei Mal als Dritter die Finishlinie. “Wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, die Reifen zu wechseln, wäre Oskari erster geworden,” sagt Marek Kiisa. Es ist nicht zu überhören, dass in seiner Stimme etwas Wehmut steckt. Der Chef reißt sich aber schnell zusammen: “Für unsere Jungs ist das Wichtigste auf der schnellen Strecken fahren zu lernen und Hockenheim ist ein sehr schneller Motodrom.”

In Estland ist das Interesse am Motorsport schon immer groß gewesen. Auch danach, als der Eiserne Vorhang über das kleinste Land des Baltikums fiel, blieb die Rennsportseele erhalten. Ich selbst kann mich noch gut erinnern, wie spannend die Motorradrennen bei Tallinn auf den Straßen der Kose-Kloostrimetsa waren. Neu war für mich allerdings, dass in Estland auch die Formelwagen des Typs Estonia für den sowjetischen Markt gebaut wurden, und die Esten selbst nicht nur bei den Meisterschaften der UdSSR, sondern auch bei der Formel Eastern erfolgreich waren.

Jim Clark

Formel1 Weltmeister Jim Clark

Jim Clark ist in Hockenheim nicht vergessen

Es sind bereits 42 Jahre vergangen, seit jenem tragischen Tag am 7. April 1968, als Jim Clark auf dem Hockenheimring tödlich verunglückte. Traditionell wird die Veranstaltung “Im Memory of Jim Clark” seit 2005 als Andenken an den zweifachen Formel 1-Weltmeister organisiert. Der Schotte (geboren am 4. März 1936 in Kilmany) gilt bis heute als einer der besten Formel 1 Piloten der Geschichte. Seine 25 Siege im Grand Prix stellten bei seinem Tod einen Weltmeisterschaftsrekord dar.

Das größte Rennen Clarks gilt, obwohl er es nicht gewinnen konnte, der Grand Prix von Italien im Jahre 1967. Der Schotte lag mit seinem Lotus 49, Chassis R2, in Führung, verlor damals eine ganze Runde an der Box, holte diese einschließlich wieder auf und setzte sich wiederholt an die Spitze. Kurz vor Finish versagte jedoch die Technik und Clarks Wagen rollte nur als Dritter hinter der Ziellinie aus.

Für den talentierten Rennpiloten, der erfolgreich mit der legendären Colin Chapman, Eigentümer von Lotus, zusammen arbeitete, wurde die Tabakwerbung zum Verhängnis.
Um Geld zu verdienen, musste Jim Clark nebenbei mit Maschinen der Formel 2 starten. Obwohl niemand beobachtete, wie das Unglück passierte, gilt als sicher, dass der 32-jährige im Regen infolge eines Reifenschadens verunglückte. Er kam auf der Waldgeraden von der Piste ab und prallte gegen einen Baum.

Später wurden an dem 1932 angelegten Hockenheimring, der unter anderem als Teststrecke für die Firma Mercedes-Benz diente, Leitplanken aufgestellt, Sicherheitsstreifen angelegt und Bremsschikanen errichtet. Vor acht Jahren wurde badische Rennstrecke komplett umgebaut und modernisiert.

Kurt Ahrens – Ein Stück Rennsportgeschichte
Jubilar Kurt Ahrens

Jubilar Kurt Ahrens

Kurt Ahrens Junior, genannt Kurti (geboren am 19. April 1940) trat wie so viele Söhne in die Fußstapfen seines Vaters, der bereits in den 1930er Jahren ein erfolgreicher Motorrad-Bahnfahrer war. Ahrens Senior genoss im internationalen Rennsport einen guten Ruf. Der Sohn bestritt sein erstes Rennen 1958 und lieferte den Motorsportfreunden viele packende Duelle mit seinem Vater, der nach dem Krieg auf Kleinwagen umgestiegen war.

Ohne Frage, Kurt Ahrens junior war ein großes Talent. Seine Fähigkeiten bewies er in der Formel 2 gegen Piloten wie Jochen Rindt, Jackie Oliver oder Jean-Pierre Beltoise. Rund 300 Rennen, an die 150 Siege – und im Rennbetrieb nie ein Auto zerschrottet und nie ein ernster Unfall. Nur krachte es richtig beim Test, auf dem VW-versuchsgelände in Ehra-Lessien, wo wegen Aquaplanings sein Porsche 917 zu Bruch ging.

Kurt Ahrens hat in Hockenheim hautnah Unglück von Jim Clark miterlebt, am Abend vor der Wettkampf war er mit der britischen Rennkollegen noch zu Gast in der “Aktuellen Sportstudio” von ZDF.

Im diesem Jahr wurde der deutsche Pilotlegende 70 Jahre alt und bekam vom Hockenheimring ein tolles Geschenk: Eine Parade mit den Fahrzeugen, welche er in seiner aktiven Laufbahn gefahren war. Der nette und offene Kurt Ahrens selbst, sichtlich erfreut von viel Aufmerksamkeit, führte das Feld in einem Porsche 908/2 aus dem Porsche-Werksmuseum an.

Dabei waren auch zwei von vier Kindern des Rennlenkers, nur seine Frau Reni konnte wegen der isländischen Aschewolke, welche den Flugverkehr in fast ganz Europa lahm legte, nicht rechtzeitig aus Mallorca zum Feiern kommen.

Gentlemen der alten Garde hinter dem Steuer – ein Blick für die Götter

Heutzutage ist bestimmt vielen etwas schwer zu begreifen, dass in den schnellen Rennwagen keine Ladys sitzen. Um so mehr waren  hinter dem Lenkrad Gentlemen der alten Garde zu bewundern, alle stolz und glücklich.

David Piper

David Piper

Wie zum Beispiel 80-jährige David Piper. Der Brite fuhr in den 1960er Jahren als Privatier eine Vielzahl an Sportwagenrennen für Ferrari. Noch heute nimmt er an historischen Rennen gerne teil und fährt dort, wie auch in Hockenheim seinen hellgrünen Porsche 917K. Der alte Mann und sein Luxusrennwagen – das ist ein Blick für die Götter!

Ab 1965 war Piper Werkspilot beim britischen Ferrari-Importeur Maranello Concessionaires und fuhr deren Ferrari bei allen großen Sportwagenrennen der Welt. 1971 erwarb Piper selbst einen Porsche 917 und gewann mit Richard Attwood als zweitem Fahrer zum fünften Mal das 9-Stunden-Rennen von Kyalami.

Pipers Karriere endete durch seine Nachlässigkeit. Er war einer der Piloten, welche die Rennfahrzeuge im Film “Le Mans” von Steve McQueen für die Rennszenen pilotierten. Durch eine kurze Unkonzentriertheit hatte Piper einen bösen Unfall. Im Krankenhaus kam zum gebrochenen Bein eine Infektion hinzu, die es erforderlich machte, die Ärzte das rechte Bein bis über das Knie amputieren mussten.

Der ehemalige Pilot, der bis heute bei den Autosport-Junkies sehr beliebt ist, hat eine kleine Werkstatt in Surrey, wo drei Ferrari 330P4 als Replikas komplett neu gebaut wurden.

Jürgen Althaus

Jürgen Althaus

Jürgen Althaus, geboren 1941 in Wuppertal, war ebenfalls nach Hockenheim gekommen um seinen Pilotenkollegen Ahrens zu zelebrieren. Seine Rennkarriere fing 1961 auf einem Alfa Romeo Giolietta Sprint am Berg in Eberbach an. Dann kam ein Urknall. 1969 präsentierte Porsche in Genf ein neues Rennauto, das den Autosport im Kern veränderte. Die Typenbezeichnung des neues Models war 917: über 400 Stundenkilometer schnell bei 9000 u/min im 4. Gang. Für den Motorenbau war ein junger Ingenieur Hans Mezger verantwortlich, der ebenfalls nach Hockenheim gekommen war.

Hans Mezger, Ingenieur, Porsche 917

Hans Mezger, Ingenieur, Porsche 917

Einer der ersten, die diesen neuen Rennwunder fuhren, war Jürgen Althaus. Von der ersten Tagen seinen Pilotenkarriere erinnert der Veteran: “Der Berg war zum Geldverdienen. Tausend DM für einen Streckenrekord war schnell verdientes Geld, was wir auf der Rundstrecke wieder ausgegeben haben.”

Seine Formel 1 oder DTM-Kollegen müssen bestimmt jetzt lachen, für 500 Euro pro Rennen bekommt man heutzutage gar nichts mehr, nicht mal den warmen Händedruck.
Der Altpilot schaffte 20 Streckenrekorde und kaufte 1968 von Karl von Wendt einen 911L-Maschine. Der Ring wurde zu seinem Heim, vielleicht deswegen konnte er sich keine Frau finden und ist, wie er mir erzählte, Junggeselle geblieben.

Geld spielte damals auch keine große Rolle: “Wir waren junge Rennfahrer. Wir wollten nur schnell sein, schneller als der Nächste in der Klasse. Die Rennen standen damals im Vordergrund, ohne Schauelemente und VIP-Kokolores!”

Später lernte Althaus Dr. Biermann kennen, den damaligen Inhaber der Firma Gesipa, der in den Motorsport investieren wollte: “Wir fühlten uns wie im Märchenland. Noch 1969 wurde ein Porsche 908 gekauft,” erzählt der Pionier, der seinen Porsche 917 am 3. März 1970 aus Zuffenhausen bei Stuttgart abholte. Sein erster Einsatz war einige Wochen später in Zolder und endete mit einem Sieg. Der jetzige Oldtimer-Wagen stand einige Zeit lang im Rosso Bianco Museum, wurde dann von Klaus Werner nach Frankreich verkauft und steht heute noch in Originallackierung in den USA. Wenn Jürgen Althaus derzeitig zurück blickt, sagt er: “Es freut mich, dass ich die vielen Jahre gesund überstanden habe und dass ich den Porsche 917 bei zahlreichen Rennen fahren durfte. Der lag mir einfach, ein wundervolles Auto!”

Ansonsten fährt der Motorsport Pionier noch gerne zum Ring. Kein Wunder, denn seine treue Fans haben ihn nicht vergessen – das war in Hockenheim nicht zu übersehen. So müssen wir uns auch nicht wundern, wenn auch Michael Schumacher immer noch Sprit und Speed in seinem Blut hat.

Neben Veteranen präsentierte Kurt Brixner mit seinem Partner Thilo A. Bauer aus Stuttgart seinen ganzen Stolz, den  Brixner-Spyder 1969. Der leichte Rennsportwagen mit NSU Technik  wird in verschiedenen Varianten gefertigt und bei Berg- oder Rundstreckenrennen erfolgreich gefahren.

Eine glückliche Rennfamilie: v.l. Thilo Bauer mit Marvin, seine Frau Karin mit Eileen und Ing. Kurt Brixner

Eine glückliche Rennfamilie: v.l. Thilo Bauer mit Marvin, seine Frau Karin mit Eileen und Ing. Kurt Brixner

Eine Rennfahrer-Familie

Der Geschäftsführer der Werbeagentur “tab individuell”, Thilo Bauer, der seit 10 Jahre Brixner-Spyder fährt, war mit seiner ganzen Familie auf dem Hockenheimring. Die Unterstützung seiner Frau Karin ist dem Unternehmer aus dem Schwabenland sehr wichtig. Auch die beiden Kinder, Marvin und Eileen, haben keine Berührungsängste zu der großen Maschine, Papa erklärt immer geduldig wo, wie und  was ist. So kann es kommen, dass der Nachwuchs, der mit Motorlärm und Benzingeruch groß anwächst, auch wie bei vielen Motorsportlern von den Eltern vom Rennfieber angesteckt wird.

Weitere Informationen:
www.hockenheimring.de
www.hockenheim-historic.de
www.scuderia.ee

ast
Fotos von Aino und Werner Siebert

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