La Netrebko gilt als Popstar der Oper, sie hat eine seltene Begabung ihre Anhängern mit Temperament und Lebensfreude mitzureißen. Der New York Observer bezeichnete die Russin als „Audrey Hepburn mit Stimme“, der San Francisco Chonicle wieder als „eine Sängerin, die alles hat: Fantasie, Verständnis und Geist“. Die Sopranistin, die von den Dirigenten des weltberühmten Maria-Theaters in St. Petersburg, Valery Gergiev und seiner Schwester Larisa Gergieva, einer Gesangspädagogin, entdeckt wurde, ist vermutlich die brillanteste Opernstimme unserer Zeit, sie wird in allen Opernhäuser und Konzertsälen der Welt geehrt. Bella Anna verfügt überdies über ein gleichermaßen umfangreiches wie vielseitiges Repertoire.
Im Baden-Badener Festspielhaus erlebte man jetzt dank Pergolesi eine ganz andere Anna Netrebko. Vor einigen Jahren tanzte die Diva temperamentvoll barfuss auf der Bühne in der Metropole an der Oos – sie sang unter anderem die Arie von Giuditta “Meine Lippen, sie küssen so heiß” von Franz Lehár. Rund ein Jahr nach ihrem Erfolg bei den Sommerfestspielen 2009 im Festspielhaus Baden-Baden als Jolanthe in Peter Tschaikowskys gleichnamiger Oper kehrte sie in die Schwarzwaldmetropole mit dem letzten Werk des italienischen Barock-Komponisten Giovanni Battista Pergolesi zurück.
Diesmal betrat sie die Bühne sehr zurückhaltend und leise. Ihre Partnerin Marianna Pizzolato (Mezzosopran), hatte vorher schon, begleitet vom Orchester der Accademia Nazionale die Santa Cecilia aus Rom unter der Leitung von Antonio Pappano, die heilig-dramatische Stimmung zu der Leidensgeschichte Christi und seiner Mutter Maria eingeführt. In dem großen Saal des Festspielhauses war ganz still, als Anna Netrebko ihre Kantate des Orfeo „Nel chiuso centro“ (An diesem Ort) begann: “An diesem Ort, wo alles Licht schläft, weint er um seine Liebste.” Ein hoch emotionaler Moment, in dem Verlustschmerz, Verzweiflung und Hoffnung deutlich zu spüren waren. Anna Netrebko bewies in Baden-Baden der Klassikwelt auf eine wunderbare Art, dass sie auch die Meisterin der barock-geistlichen Gesangs ist.
„Stabat Mater“ f-moll im zweiten Teil des Konzerts sangen Netrebko und Pizzolato harmonisch im Zwiegesang zusammen. Die Stimme der jungen, im Barock erfahrenen Italienerin war schön, aber es fehlte ihr noch das Volumen und die Reife von Netrebko. Die russische Sopranistin musste sich in den Duetten zurücknehmen, sie tat das aber äußerst einfühlsam und diskret.
Am Ende bedankte sich das Publikum mit einem langen und herzlichen Applaus. Der Chef des Festspielhauses, Andreas Mölich-Zebhauser brachte selbst den Solistinnen die riesengroßen Bukette mit tiefroten Rosen als Dankeschön auf die Bühne.
Viele Netrebko-Fans warteten nach der Gala vor dem Künstlerausgang, sie wollten ihr Musikidol aus der Nähe sehen und gratulieren. Als die Diva dann endlich in einem goldbraunen sexy Kleid und natürlich in Schuhen mit hohen Absätze, kam, ließen ihre Anhängern sie nochmals mit stürmischen Ovationen hoch leben. Bevor die primadonna assoluta in den auf sie wartenden Maybach stieg, nahm sie sich geduldig Zeit, Autogramme zu geben und ließ sich mit ihren Verehrern fotografieren.
„Angelico maestro“, so wurde Pergolesi (1710-1736) später liebevoll von Vincenzo Bellini genannt, leitete mit seiner sakralem Komposition „Stabat Mater“ eine kleine Revolution in der europäischen Musik ein: Er entriss die Kirchenmusik der starren Frömmigkeit des gregorianischen Chorals. Kurz vor seinem Tod mit nur 26 Jahren vertonte Italiener den mittelalterlichen Text über das Leiden Christi wie für eine Barockoper – voll Inbrunst und Dramatik. Sein Werk war im 18. Jahrhundert das am häufigsten gedruckte Musikstück und hat zahlreiche Bearbeitungen erfahren. Die originale Fassung für zwei Solostimmen (Sopran und Alt), Streicher und Basso continuo hat sich aber erst im Zuge der “Alten Musik”-Bewegung wieder durchgesetzt. Pertogesis Genialität kann man mit estnischen Tonkünstler Arvo Pärt vergleichen, auch er strebt in seiner fast ausschließlich religiös motivierten Musik nach einem Ideal der Einfachheit, das die spirituelle Botschaft unterstützt.
Die „Baden-Baden-Gala 2010“ wird im Herbst als CD bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft erscheinen – die Aufnahmen entstanden komplett im Festspielhaus Baden-Baden.
Mehr Informationen über Festspielhaus finden Sie hier www.festspielhaus.de
Anna Netrebko singt in der Baden-Badener Festspielhaus die Arie der Giuditta von Franz Lehár “Meine Lippen sie küssen so heiß”
Noch ein musikalisches Genuss aus dem renommierten Konzerthaus an der Oos im Schwarzwald: “Blumenduett” der Lakmé und Mallika aus der Oper “Lakmé”
von Léo Delibes. Anna Netrebko singt mit lettischen Mezzosopranistin Elina Garanča
ast / wes
Fotos: Aino und Werner Siebert
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