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von | 02.10.2010 | 14:18 ET in Europe

 

Die roten und braunen Helden

Sinimaed Monument, Foto: Aino Siebert

Sinimaed Monument Foto: Aino Siebert

Kloty schrieb in seinem Blog, der auch in der Baltischen Rundschau veröffentlicht wurde, einen Beitrag über das Treffen von Veteranen der Waffen-SS in den Blaubergen (Estnisch: Sinimäed) nahe dem ost-estnischen Städtchen Vaivara. Der Verfasser hinterlässt, ob gewollt oder nicht, den Eindruck, als wären die estnischen Kriegsveteranen Nazisympathisanten und die Rotarmisten Antifaschisten. Sein Beitrag ist auf Aussagen aus der Gruppe „Notschnoj Dozor“ (Nachtwache) aufgebaut, deren Mitglieder wegen Unruhestiftung in der sogenannten Bronzenacht 2007 angeklagt waren.

Ähnlich wie die inneren Truppen der Sowjetmacht war die Waffen-SS in Deutschland bis 1941-42 Parteiarmee und opferbereite Speerspitze im Krieg. Der Blog-Autor berücksichtigt in seinem Beitrag jedoch nicht, dass die Verhältnisse bei den Nationen, die nach dem deutschen Zenit 1942 die gelichteten Reihen der Wehrmacht wieder aufzufüllen hatten, sich nicht so einfach gestalten. Um die jährlichen Versammlungen der Soldaten in den Blaubergen zu verstehen, müssen wir einen Blick in die Geschichte werfen.

Karikatur zum Hitler-Stalinpakt

Karikatur zum Hitler-Stalin Pakt Foto: Internet

Estland als Spielzeug zwischen den Großmächten
Europa war von 1930 bis 1945 für die beiden Diktatoren Hitler und Stalin ein großes Schachbrett, auf dem der bessere Spieler Stalin mit seiner Strategie gewann.

Man darf nicht außer Acht lassen, dass der Kreml zuerst das nationalsozialistische Deutschland nach Kräften unterstützte – Auf Befehl Moskaus mit gemeinsamen Aktionen der kommunistischen und faschistischen Organisationen in Deutschland zum Sturz der Weimarer Republik, der Unterzeichnung des Hitler-Stalin Paktes (HSP) und eine bis 1941 andauernde umfassende materielle Unterstützung des Krieges von Hitler – und danach die östliche Hälfte des geschwächten Europas unter Kontrolle seine brachte. Die entsetzlichen Verluste beim eigenen russischen Volk, nach dem der sorgfältig aufgepäppelte Besen des Zauberlehrlings, die deutsche Militärmacht, sich gegen ihn wandte, wurden dabei von der kommunistischen Führung in Kauf genommen.

Stalin mit Hitlers Außenminister Ribbentrop bei der Unterzeichnung 1939

Stalin mit Hitlers Außenminister Ribbentrop bei der Unterzeichnung 1939 Quelle: Internet

Die Republik Estland war bis 1939 ein ganz gewöhnlicher europäischer Staat, der seine schwer erkämpfte Unabhängigkeit behalten und dem drohenden militärischen Auseinandersetzung in Europa fern bleiben wollte. Konfrontationen und Ziele der Fremdmächte, die letztlich in einen Krieg mündeten, bedeuteten für das kleine Land eine Periode schwerster Einbußen.

Trotz seiner Zurückhaltung geriet Estland gemäß der Geheimprotokolle des Hitler-Stalin Paktes zuerst unter die kommunistische, danach im weiteren Kriegsverlauf unter die nationalsozialistische und dann wieder unter die rote Besatzung, die bis zum Jahre 1991 andauerte: Erst am 20. August wurde die Unabhängigkeit der Republik Estland wiederhergestellt. Die Verluste Estlands unter den Fremdherrschaften waren derart groß, dass die Zahl der Esten bis heute den Vorkriegsstand nicht wieder erreicht hat.

Augustin Poopuuin in deutschem Militärrock, Quelle: PS Poopuu/EHM

Augustin Poopuuin in deutschem Militärrock Quelle: PS Poopuu/EHM

Estland zwischen zwei feindlichen Fronten –
Bruder kämpft gegen den eigenen Bruder
Im Zweiten Weltkrieg kämpften Esten sowohl in der Roten Armee als auch in der Wehrmacht und der Waffen SS. Estland, das weder den Krieg begonnen noch gewollt hatte, war genau so wie Lettland und Litauen nur eine Schachfigur zwischen den Interessen der Großmächten.

Tragisch war das Schicksal der estnischen Soldaten, die in die Rote Armee zwangsmobilisiert wurden. Nach den stalinistischen Deportationen 1941 wurde im Jahre 1942 aus den Überlebenden der russischen Zwangsarbeitslager das 8. Estnische Schützenkorps formiert, das Ende des Jahres in den Schlachten bei Welikije Luki gewaltige Verluste erlitt.

... und sein Bruder Oskar Poopuuin in der Uniform der Roten Armee, Quelle: Poopuu/EHM

... und sein Bruder Oskar Poopuuin in der Uniform der Roten Armee Quelle: PS Poopuu/EHM

Aus den Männern, die – in gutem Glauben an die Wiedererstellung des estnischen Staates – dem deutschen Aufruf zur Mobilmachung gefolgt waren, wurde innerhalb der Wehrmacht das Bataillon „Narwa“ gebildet, das in den Schlachten in der Ukraine im Sommer 1943 auffiel. Innerhalb der Waffen-SS bildeten die Esten die 3. Estnische SS-Brigade , die im Herbst des gleichen Jahres an den Kämpfen in der Gegend von Newel teilnahm.

Zwei Freunde
Zu dem Foto „Freunde“ hat Anton Pärn für die BR das typische Schicksal zweier Esten beschrieben – zweier Gefährten, die damals gegeneinander kämpften. Beide dachten, das Richtige zu tun. Auf dem Bild, der aus dem Privatarchiv der Familie Prõõm stammt, sind Karl Joost, Unteroffizier der Schützenkorps der Roten Armee und Valle Prõõm in einer nachempfundenen Uniform der Waffen-SS abgelichtet. Auf dem deutschen Waffenrock sind die Siegrunen auf dem Kragenspiegel verkehrt, Galifetthosen, Schaftstiefel und Riemen gehören eigentlich zu einer sowjetischen Militäruniform. Die Männer stehen vor dem Wasserfall von Jägala, wo die Familie Prõõm wohnte. Es ist anzunehmen, dass das Foto im Herbst der Jahre 1944 bis August 1949, als Valle Prõõm festgenommen wurde, entstanden ist. Möglicherweise wurde das Bild gleich nach der Krieg aufgenommen, denn die Aufbewahrung von deutschen Militäruniformen über mehrere Jahre bedeutete eine große Gefahr für die ehemaligen Träger und deren Familien.

Freunde Karl Joost und Valle Prõõm,  Foto aus Privatsammlung/EHM

Freunde Karl Joost und Valle Prõõm, Foto aus Privatsammlung/EHM

Karl Joost wurde 1917 in Tallinn geboren, er kam aus einer Arbeiterfamilie. Seinen Wehrdienst leistete 1938-1940 als Matrose ab, später als Obermatrose. Der Este arbeitete als ungelernter Arbeiter zuerst einer Fabrik in Jägala, Holzpappe herstellte – später wechselte er zu Baltischen Manufaktur. In der Zeit in Jägala trat er dem Komsomol (kommunistische Jugend) bei. Sein weiteres Schicksal ist ungewiss- es gibt keine Informationen ob er gefallen ist oder gefangen wurde. Auf dem Bild trägt Karl Joost drei Kampforden (zwei Abzeichen des roten Sterns und einen für den Großen Vaterländischen Krieg), was die Vermutung zulässt, dass der Este einen langen Weg des Kampfes hinter sich hatte.

Sein Freund Valle Prööm wurde 1927 im Landkreis Harju bei Tallinn geboren, er war Landwirt. 1943 ging er, damals 16 Jahre alt, in die finnische Armee und kämpfte als einfacher Soldat in Karelien. Dort war schon sein Bruder Raimond Prõõm, der 1944 in Finnland fiel und auf dem Militärfriedhof Helsinki-Malmi begraben ist. Nach Estland kam Valle Prõõm als sogenannter Finnenjunge im August 1944 zurück, wo er in deutschem Waffenrock bei Tartu für die Freiheit Estlands kämpfte. Als Estland von Kommunisten okkupiert war, wurde Valle Prõõm am 30. August 1949 verhaftet und in das Gefangenenlager Karaganda transportiert. In die Heimat kam er 1956 zurück. Valle Prõõm starb 1971 in Tallinn.

Rekrutierung für die estnische Legion 1942-43, Quelle: EHM

Rekrutierung für die estnische Legion 1942-43, Quelle: EHM

Bis heute offene Wunden
Bis heute sind die Wunden zwischen den ehemaligen Soldaten nicht geheilt. Der grausame Krieg trennte in Estland tausende Männer in zwei sich befehdende Lager: Die Einen mussten für die rote Ideologie kämpfen, die Anderen für die braune. Beide Weltanschauungen waren den Esten fremd. Die estnische Soldaten wurden in den fremden Krieg gezwungen, sie fielen für die fremden Mächte oder wurden verwundet. Heute möchten sie sich nur noch an ihre toten Kameraden und an ihr eigenes Leid erinnern – sowohl die Rotarmisten als auch diejenigen, die in der deutschen Wehrmacht oder Waffen-SS gekämpft haben.

Die sowjetische Kriegsmarine in Tallinn 1940, Quelle: EHM

Die sowjetische Kriegsmarine 1940 in Tallinn, Quelle: EHM

Die Männer, die an der Seite Hitler-Deutschland im Blaubergen kämpften, hatten nur eines im Sinn – die Freiheit ihres Vaterlandes. Estland suchte – ebenso wie Finnland – im Zweiten Weltkrieg Verbündete gegen kommunistischen Russland und musste später schmerzhaft feststellen, dass auch die braune Diktatur Menschen und Nationalitäten verachtete. So haben alle estnischen Kämpfer, auf welcher Seite sie auch waren, verloren. In diesem Krieg gab bei den kleinen Nationen keine Gewinner.

Vorn: Vorsitzender der Obersten Sowjets des Estnischen SSR, Johannes Vares-Barbarus 1940, Quelle: www.kirmus.ee

v.: Vorsitzender des Obersten Sowjets des Estnischen SSR, Johannes Vares-Barbarus, Quelle: www.kirmus.ee

Erste Besetzung Estlands durch die Sowjetunion
Der Hitler-Stalin Pakt (HSP), genauer Molotow-Ribbentrop-Pakt, wurde am 23. August 1939 unterzeichnet. In dessen geheimen Zusatzprotokoll teilten die Nazis und Kommunisten die Einflusszonen in Europa unter sich auf. Wie wir seit 1989 wissen, wurde Estland in diesem Geheimvertrag dem Stalin-Reich zugesprochen. Das Abkommen ermöglichte Hitler mit dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg zu beginnen. Am 17. September trat Russland – wie beiden Diktatoren unter sich vereinbart hatten – mit dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen auch in den Zweiten Weltkrieg ein.

Der deutsche General Halder mit seinen Mitarbeitern an der Sowjetisch-Estnischen Grenze 1939, Quelle: EHM

Der deutsche General Halder mit seinen Mitarbeitern an der Sowjetisch-Estnischen Grenze 1939, Quelle: EHM

Nach Abschluss des HSPs forderte der Kreml Estland ultimativ auf, einen Vertrag abzuschließen, der die UdSSR dazu berechtigte, im Land Militärbasen zu errichten. Bis zum Oktober standen 437 235 Mann, 2635 Geschütze und 3052 Panzer bereit, um die baltischen Länder Estland und Lettland anzugreifen. Dazu blockierte rote Flotte die See und sowjetische Militärflugzeuge drangen in den estnischen Luftraum ein. So sah das kleinste baltische Land für sich keine andere Möglichkeit als dem Druck vom Osten nachzugeben. Der Sowjetunion zwang auch Lettland und Litauen entsprechende Verträge abzuschließen. Mit diesem Abkommen legalisierte Stalin seine Pläne die baltische Staaten zu annektieren.

Straßenpatrouille in Tallinn, Zeitschrift “Kommunist” vom 25.08.1941, Quelle: EHM

Straßenpatrouille in Tallinn, Zeitschrift “Kommunist”, 25.08.41 Quelle: EHM

Nachdem die Sowjetarmee in den Stützpunkten angekommen waren, war Estland kein unabhängiges Staat mehr. Der Sonderbeauftragte von Stalin, Andrej Schdanow, im übrigen der Schwiegersohn des des Diktators, reiste nach Tallinn. Nach seinen Anweisungen wurde mit der Zusammenstellung der neuen pro kommunistischen, estnischen Regierung begonnen und Vorbereitungen getroffen, das Land der Sowjetunion anzugliedern.Das erste Jahr unter der Sowjetherrschaft, geführt der Marionette der Sowjets, Johannes Vares-Barbarus, erwies sich als eine äußert schwere Zeit: Die Sicherheitsbehörden Stalins starteten den roten Terror, während dem sie tausende estnische Bürger verhafteten und ermordeten. Die Gewalt erreichte einen Höhepunkt am 14. Juni 1941, als etwa 10.000 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, in Viehwaggons nach Sibirien verschleppt wurden. In den Jahren 1940-1941 verübte die Sowjetmacht Repressalien gegen insgesamt 52.750 Personen, von denen 18.090 ums Leben kamen oder ermordet wurden.

 

Deportationen im Jahre 1941, Quelle www.hot.ee

Deportationen im Jahre 1941 Quelle www.hot.ee

In die Kämpfe gegen die estnische Partisanen – genannt Waldbrüder, die aus den Wäldern heraus den kommunistischen Terror bekämpften – verwickelt, bemerkte die Rote Armee kaum, wie am 7. Juli 1941 die ersten deutschen Vortruppen die estnische Grenze überschritten.

 

Waldbrüder, Quelle: www.hot.ee

Waldbrüder Quelle: www.hot.ee

Da die sowjetische Gewaltherrschaft unbeschreibliche Ausmaße angenommen hatte, wollten die Esten den Krieg zwischen Deutschland und der UdSSR für sich nutzen, um die staatliche Souveränität wieder herzustellen. Aus Finnland kam der aus Esten bestehende Aufklärungszug „Erna“ in die Heimat zurück und versammelte die Waldbrüder um sich. Schritt für Schritt konnten die Deutschen gemeinsam mit estnischen Einheiten am 28. August 1941 Tallinn zurück erobern.

Estnische Freiheitshoffnungen werden zunichte
Die von Esten auf den Domberg gehisste blau-schwarz-weiß Fahne wurde noch am gleichen Tag durch die deutsche Reichskriegsfahne ersetzt. Als Hitlers Armee dann am 2. Dezember als letzten Punkt die Insel Osmussaar besetzte, hatte Estland wieder einmal den Herren gewechselt.

Im Jahr 1941 glaubten viele , dass der estnische Staat mit Hilfe der Deutschen bald wieder hergestellt wird. Tausende Kämpfer gingen als Freiwillige in der Wehrmacht an die Ostfront. Sie erwarteten, dass Russland geschlagen wird und wollten einen Beitrag zur Befreiung der nach Russland verschleppten Esten beitragen. Im Februar 1942 dienten auf der deutschen Seite 20 867 estnische Soldaten.

Kamen die Esten zunächst den deutschen Truppen freundlich entgegen, so änderte sich bald ihre Einstellung. Es wurde klar, dass das nationalsozialistische Deutschland nicht den Absicht hatte, die Souveränität Estlands wieder herzustellen. Am 29. Juli 1941 legte der Stellvertreter des nach Russland verschleppten Präsidenten Konstantin Päts, Jüri Uluots, der deutschen Führung ein diplomatisch-politisches Memorandum vor, indem er die Wiederherstellung der Souveränität des Landes forderte. Damit begann der Kampf gegen die deutschen Besatzer, aus dem bald eine Widerstandsbewegung entstand.

Widerstand gegen die Deutschen
Die westlichen Staaten hatten im August 1941 in der Atlantik-Charta versprochen, nach dem Krieg die Souveränität aller annektierten Staaten wieder herzustellen. Die im Untergrund agierenden politischen Parteien Estlands bildeten das Rettungskomitee, das zum ersten Mal am 14. Februar 1944 zusammen kam. Sie nahmen mit estnischen Diplomaten im Westen Kontakt auf, gaben Flugblätter heraus und organisierten Protestkampagnen.

Soome poisid (Finnlandjungen), Quelle: www.einst.ee

Soome poisid (Finnlandjungen), Quelle: www.einst.ee

Als die Deutschen 1944 die aus Freiwilligen gebildete Estnische Legion in die 20. Brigade der Waffen-SS umwandelte und versuchten estnische Männer zwangsweise einzuziehen, rief die nationale Widerstandsbewegung die Männer auf, nach Finnland zu fliehen – aus den über das Meer geflüchteten Soldaten wurde das Infanterieregiment Nr. 200 gebildet. Die estnische Einheit kämpfte neben den Finnen an der Front gegen die Rote Armee.

Die sogenannten Finnlandjungen strebten an, in einem günstigen Augenblick in die Heimat zurück zu kehren, um hier bei der Wiederherstellung der Souveränität ihres Heimatlandes mitzuhelfen.

Die starke nationale Bewegung beunruhigte die deutschen Besatzer, so dass nunmehr die Auswirkungen der deutschen Okkupation in weiten Teilen denen sowjetischen entsprachen. Hitlers Helfer verhafteten mindestens 18.893 Personen, die meisten davon waren Kommunisten. 5.634 Menschen wurden hingerichtet und die übrigen in die Konzentrationslager geschickt.

KZ Klooga bei Tallinn, Quelle: www.wehrmacht.pri.ee

KZ Klooga bei Tallinn Quelle: www.wehrmacht.pri.ee

Das Schicksal der Juden und Zigeuner
Besonders schrecklich war das Schicksal der Zigeuner und Juden, die im Zuge des Holocausts völlig vernichtet wurden. Nach der Ausrottung der estnischen Juden wurden in Estland mehrere Konzentrationslager errichtet, in die Juden aus Mittel- und Osteuropa gebracht wurden. So steigerte die Zahl der Ermordeten auf 10.000. Der vor kurzem in Stuttgart verstorbener Martin Sandberger (Bericht in der Baltische Rundschau vom 18.04.2010: „Neben uns lebte ein Massenmörder”) berichtete nach Berlin, dass Estland eine „judenfreie“ Zone ist.

Estnische Staatsbürger, welche die Befehle der Okkupationsmacht ausführten (sehe Interview mit Kalev Vilgats), sind von der Verantwortung für die verübten Verbrechen nicht befreit. Dennoch kann weder der estnische Staat noch das Volk für die von Nazis durchgeführte Taten eine Verantwortung übernehmen.

Estnisches Verdun in der Blaubergen
Im Winter 1944 erreichten die ersten Einheiten der Roten Armee den Grenzfluss Narwa. Sie eroberten in wenigen Tagen den Bahnhof von Auvere und unterbrachen die Eisenbahnlinie zwischen Tallinn und Narwa. Es begannen schwere Kämpfe auf estnischem Boden. Die Deutschen hatten bis zum 26. Juli die Hauptkräfte ihrer Wehrmacht auf die sogenannte Tannenberg-Linie in den Blaubergen zurückgezogen. Am Morgen des 29. Juli setzte die Rote Armee zum Angriff an und eroberte den Höhenzug. Als Gegenzug schickten die Deutschen ihre letzten Panzer in den Kampf und das ermöglichte den Esten die Grenadier-Höhen zurück zu erobern. Am Anfang August griff die Rote Armee mit verstärkten Kräften erneut an, jedoch auch diesmal erfolglos.

Die roten Kämpfer, Buch „Tätigkeit der Artillerie des estnischen Schützenkorps in der Jahren 1942-46“ Quelle: EHM

Die roten Kämpfer, aus dem Buch „Tätigkeit der Artillerie des estnischen Schützenkorps, Quelle: EHM

Am 10. August waren die sowjetischen Einheiten bei den Blaubergen schließlich ausgelaugt. Die Schlachten in der Gegend von Narwa und den Blaubergen im Juli-August 1944 waren die opferreichsten Kämpfe in der estnischen Geschichte und werden deswegen mit der Schlachten um Verdun in Frankreich während des Ersten Weltkriegen 1916 verglichen.

Film über die Kämpfe in den Blaubergen (englische Untertitel)

Estland wird erneut von Sowjetunion annektiert
Die Erfolge in den Abwehrschlachten nützten Estland jedoch wenig. Die deutsche Front im Osten zerriss im Sommer 1944 von allen Seiten.

Als Südestland dann an die Rote Armee fiel, füllte sich der Norden des Landes mit Flüchtlingsströmen, die sich in Richtung Westen bewegten. Viele flüchteten mit kleinen Booten über die Ostsee und starben. Viele versuchten mit Hilfe der Deutschen dem Kommunismus entfliehen.

Trotzdem glaubten noch viele, dass die estnische Unabhängigkeit mit Unterstützung der westlichen Staaten wiederhergestellt wird. Die estnische nationale Führung entschloss sich dazu, die in Finnland kämpfenden Soldaten, die Finnen-Jungen, in die Heimat zurück zu rufen. Man hoffte im entscheidenden Augenblick der Wiederherstellung der Souveränität militärische Hilfe zur Verfügung zu haben. Das 200. Infanterieregiment kam im Hafen Paldiski am 19. August an und wurde von der Bevölkerung stürmisch begrüßt.

Zerbombtes Tallinn, Harjustrasse und Niguliste-Kirche, Quelle: Internet

Zerbombtes Tallinn Harjustrasse und Niguliste-Kirche Quelle: Internet

Am 2. September schied Finnland aus der Krieg aus. Dies machte die Verteidigung Estlands militärisch unmöglich und zwang die Wehrmachtsführung dazu, schnelle Vorbereitungen für den Abzug der Truppen aus Estland zu treffen. Die Esten gerieten jetzt in den Griff der Sowjetmacht.

Trotz der äußerst schwierigen Situation versuchte die estnische nationale Leitung, die Unabhängigkeit des Staates wieder herzustellen. Am 18. September 1944 nahm die Regierung von Otto Tief ihre Arbeit auf. Die erste Versammlung fand schon am nächsten Tag in der Sakala-Straße im Gebäude der Estnischen Landesbank statt. Der Kämpfer des Admirals Johan Pitka ergriffen vielerorts in Tallinn die Macht und hinderten die Deutschen daran, strategische Objekte zu sprengen. Estland erklärte sich im Krieg als neutral und wandte sich mit der Bitte um Hilfe an die westlichen Staaten.

In der Hauptstadt entbrannten Kämpfe zwischen estnischen und deutschen Soldaten. Am 20. September wurde auf dem Turm des Langen Hermanns erneut die blau-schwarz-weiße Nationalflagge der Esten gehisst. Die deutsche Armeeführung betrachtete die Ereignisse als Aufruhr und schickte Infanterieeinheiten der Marine gegen die Esten. In den darauf folgenden Kämpfen hatten beide Seiten Verluste. Schließlich zogen sich die deutschen Einheiten an den Hafen zurück.

Zu diesen Zeitpunkt waren die estnische Soldaten sehr verstreut und so fehlten der Regierung militärische Kräfte, um die übermächtigen sowjetischen Truppen abzuwehren, die bei Tallinn schon bereit standen. Am Morgen des 22. September drang eine vom Estnischen Schützenkorps gebildete motorisierte Vortruppe der Roten Armee in die Hauptstadt ein und auf dem Domberg wehte jetzt wieder einmal die rote Fahne. Die letzten deutschen Schiffe unter Führung des Admirals Burchardt verließen den Tallinner Hafen und nahmen 37.831 Soldaten, 13.049 Verwundete und 20.418 Zivilflüchtlinge aus Estland mit.

Gedenkkreuz in den Blaubergen, Foto Aino Siebert (2000)

Gedenkkreuz in den Blaubergen Foto: Aino Siebert

Große Verluste für ein kleines Land
Als die Kampfhandlungen im Mai 1945 endeten, war der Zweite Weltkrieg für Estland nicht zu Ende. Die blutige Auseinandersetzung zwischen Stalin und Hitler verringerte die estnische Bevölkerungszahl um 200.000 Menschen. Aus Angst vor einer neuen Terrorwelle flüchteten mehr als 80.000 Menschen ins Ausland.

Trotz des verzweifelten Widerstands verloren die Esten ihre Selbstständigkeit und gerieten für viele Jahre hinter der eisernen Vorhang. Der Partisanenkrieg in den estnischen Wäldern und Sümpfen dauerte noch mehr als ein Jahrzehnt nach dem offiziellen Beendigung des Krieges an. Nachdem der bewaffnete Widerstandskampf von sowjetischen Geheimpolizei KGB unterdrückt war, trat an seine Stelle die politische Widerstandsbewegung.

Lesen Sie hier auch das Interview mit estnischen Historiker und Journalisten Kalev Vilgats.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Merilis Roosalu aus der estnischen Historischen Museum, Kalmer Poopuu und Anton Pärn für ihre wertvolle Hilfe.

Text: Aino und Werner Siebert
Fotos:  EHM = Estnisches Historisches Museum www.eam.ee
PS  = Rrivatsammlung

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Aino Siebert


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