Nach dem die artKarlsruhe 2011 erfolgreich zu Ende ging, ist Zeit Eindrücke aufzuzeichnen. In den vier Hallen präsentierten mehr als 200 Galerien von rund 1600 Künstlern. Dementsprechend gab es viele Begegnungen mit Galeristen und Künstlern. Einige davon möchten wir ihnen hier darstellen.
Teuerstes Stück auf der Kunstevent war das Bild „Harem“ von Ernst Ludwig Kirchner, das für 3,2 Millionen Euro zu haben war. Nicht verkäuflich dagegen war das im Auftrag der Kirchenbehörde entstandene Porträt von Papst Benedikt XVI. Nach der artKarlsruhe wird das Kunstwerk im Regensburger Dom St. Ulrich vorgestellt, ehe es an seinen Ziel, das Regensburger Institut Papst Benedikt XVI. kommt. Der Autor, Michael Triegel (41), hat sein Werk im Auftrag der Diözese Regensburg geschaffen. Es war auch schon im Leipziger Bildermuseum zu sehen und sorgte dort für großen Ansturm. Die Galerie Schwind präsentierte das Papst-Bildnis in badischen Residenzstadt mit Werken der DDR- und Gegenwartskunst, etwa von Willi Sitte, Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke, Fritz Cremer und Arno Rink.
Modefotografie ohne Gesten und Gewänder
Spannend war die Ausstellung „Fashion“ der Sammlung Camera Work, der zeigte, dass Modefotografie auch ohne große Gesten und Kleider auskommt.
Berühmt ist heute noch das Bild von Irving Penn „Café in Lima“ (1949) dadurch, dass der Fotograf sein Model, Jean Patchett, in Peru überrascht hat als sie während einer Pause, noch im eleganten Kostüm, gelangweilt an ihrer Perlenkette kaute. Das war ein echter Schnappschuss. Auch heute gilt in der Modefotografie vor allem das Prinzip – der richtige Schuss zum richtigen Zeitpunkt, schöne Seitenblicke, die mit der Kamera festgehalten werden – der Fotograf muss einen guten Überblick behalten, auch wenn man nicht gerade mit der Kamera arbeitet.
In Karlsruhe wurden rund 150 Fotos von Camera Work von der 1920er Jahren bis heute gezeigt. Das war nur ein kleiner, aber sehr feiner Querschnitt aus einer der weltweit größten Fotografie-Sammlungen.
Die Auswahl begann mit Edward Steichen, einem Pioner der Fotografie. Nach der Zweiten Weltkrieg entwickelten dann Künstler wie Irving Penn, die neue Beiläufigkeit. Louis Fauer gestaltete ganz Paris zum Atelier.
Zur Legende wurde Richard Avedons „Dovima with Elephants“ (1955) als Dompteurin in Festrobe von Dior. Dovima, irisch-polnischer Abstammung wurde 1927 in New York als Dorothy Virginia Margaret Juba geboren, sie zählte neben Lisa Fonssagrives, Sonny Harnett, Dorian Leigh und Jean Patchett zu den bestverdienensten Mannequins der 1950er Jahre, die Ära der Supermodels brach erst dreißig Jahren später an, als Peter Lindbergh oder Herb Ritts mit Linda Evangelista, Naomi Campbell und anderen am Werk waren.Modebilder seit der Jahrtausendwende sind noch unbegrenzter geworden wie die Fotos von David LaChapelle oder Steven Klein zeigen. Hier sind Kunst und Kommerz miteinander verbunden.
Flashback von Inna Artemova
Die Erinnerungsbilder „Flashback“ (Auftauchen) von Inna Artemova haben surrealer Elemente und erinnern stark an die sozialistische Kunst – auf dem ersten Blick. Das zweite Blick zeigt, dass die Künstlerin Tatsächliches aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen mischt . Ihre lebendige Betrachtungen finden den Ausdruck in den Räumen, die den Niedergang enthüllen. So sind Schlaglichter, wie kurze Erinnerungsblitze aus der Sowjetzeiten entstanden, die im nächsten Moment verschwunden sein können. „Die Bilder sind dabei keine Mahnmale, erheben keinen Zeigefinger, wollen lediglich auf das hinweisen, was einmal gewesen ist,“ schreibt Richard Rabensaat. Die Künstlerin wurde 1972 in Moskau geboren und hat in ihrem Heimatstadt Architektur studiert, seit 1998 lebt sie als freie Künstlerin in Berlin. Die Bilder von Inna Artemova präsentierte Galerie Lauth aus Ludwigshafen.
Galerie Poll aus Berlin zeigte auf artKarlsruhe unter anderem die Bilder von Norbert Wagenbrett. In Leipzig geborener und lebender Künstler portraitiert die Menschen äußerst realistisch, und doch sympathisch: „Ich gehe zu den Menschen und suche ihre Träume und finde ihre Ängste,“ beschreibt der Maler selbst seine Werke.
Galerie Sandmann mit viel Noblesse und russischer Elite
Ebenso hat Marina Sandmann ihre Galerie in Berlin. Seit mehr als 22 Jahren hat die Galeristin vor allem russische Künstler in ihren Programm. Selbst in Moskau geboren, bekam sie nach der Heirat mit einem Deutschen die sozialistische (Ohn-)Macht zu spüren und musste vier Jahre lang, ohne dass sie in ihrem Beruf arbeiten konnte, auf das Ausreisevisum warten. Auch ihrem Ehemann weigerten die sowjetische Behörden die Einreise.
Es ist daher nicht wunderlich, dass Marina Sandmann besonderes Anatoly Zverev (1931-1986) bewundert. Der Künstler, ein Autodiktat, der sein ganzes Leben in Moskau verbrachte, zeigte in seinen Werken den sozialistischen Wahnsinn wie das rote System seine Kinder fraß. Pablo Picasso hat die Werke von ihm sehr bewundert. Der Französisch-ukrainischer Dirigent Igor Markevitsch brachte vor: „Zverev´s Platz ist im Pantheon“. Lobend äußerte sich auch der russischer Maler Robert Falk: „Solche Künstler wie Zverev werden nur ein mal in hundert Jahren geboren.“ Und trotzdem konnte der talentierter Maler bis 1986, kurz vor seinem Tod, keine Soloausstellung ausrichten. Sein Kunst wurde nur in illegalen Untergrund-Galerien vorgeführt. Zu seiner Lebenszeit haben die Kreml-Herrscher ihn schikaniert und verfolgt, noch intensiver, als er international geschätzt wurde.

Galeristin Marina Sandmann - auf der Tasse ein Hassartikel der Prawda über non-konforme russische Künstler
Das geschah, als ein Kunst-Liebhaber Namens Rumnew auf Anatoly Zverev aufmerksam wurde und ihn George Costakis vorstellte. Der berühmte Kunstsammler sagte später: „Er ist einer der talentiertesten Künstler der Sowjetunion, ein Phänomen.“
Als ein Selbstporträt von Anatoly Zverev neben einem Bild von Wladimir Lenin des sowjetischen Künstler Wladimir Serow (1910-1968) in der „Life-Magazin“ als Kontrast zu offiziellen linientreuen Kunst der UdSSR erschien, war damalige Chef der Kommunistischen Partei, Nikita Chruschtschow zutiefst empört, und ließ alle bis zu diesem Zeitpunkt noch geduldeten halb-legalen Ausstellungen schließen. Zverev selbst, Hauptziel des Zorns, musste sich auf Befehl von oben lebendig „vergraben“. Als die Staatssicherheit begann die Gerüchte zu streuen, dass der Künstler verstorben sei, dann machte der Russe selbst Witze: „Sie bekommen mich nicht los, sie werden immer auf mich stolpern“ Doch der von Funktionären gejagter Maler beklagte sich nie: “Ich bin kein Kommunist, ich bin ein Harmoniker.” Ohne seine Arbeiten veräußern zu können, lebte er von Hand zu Mund, nur ein kleiner Freundeskreis hat ihn unterstützt.
Der Maler war dabei kein einfacher Mensch. Seine Sprache war metaphorisch, seine Art mit anderen umzugehen, oft provokant. Außerdem litt er unter psychischer Instabilität. Dennoch war Zverev ein durchaus ernstzunehmender Denker und Beobachter. Der Russe war nicht nur seiner Kunst, sonder auch seines obsessiven und kompromisslosen Lebensstils wegen eine geachtete Persönlichkeit in der Moskauer Künstlerszene. Sein Hauptwerk gehört zu den besten Leistungen der nonkonformistischen Malerei, der Künstler ist zum Symbol der genialen Bohéme-Existenz geworden, beurteilt Hans-Peter Riese.
Marina Sandmanns Galerie war am Anfang ein Abenteuer, der Versuch eine originale Moskauer Ausstellungssituation, wie sie in der Aufbruchphase der Perestroika zu erlebt war, in die deutsche Kunstszene zu transportieren. Das ist ihr gut gelungen. Außer Anatoly Zverev präsentiert sie noch Sergej Volokhov, Aleksandra Koneva, Alexei Kostroma, Elena Kovylina und Natalia Turnova – hier nur einige zu nennen.
Glaseditionen aus Österreich und koreanischer Reispapierkunst
Seit dem Jahr 2010 präsentiert die Neuhauhauser Kunstmühle aus Österreich bei Salzburg in Zusammenarbeit mit der Glashütte Zalto in Neunagelberg Editionen von Glasskulpturen in nummerierten und signierter Auflage. Eine alte Handwerkstradition des Waldviertels und die eigenständige Formensprache des Materials verbindet sich mit zeitgenössischen künstlerischem Gestaltungswillen zu Werken von hohem künstlerischem und handwerklichen Rand. Gezeigt wurden die Arbeiten von Stephanie Binding, Ilse Sprohar und Franz Gyolcs. Zudem wurden auf der Messebox die Lithografien von Erika Landertinger zu einem exklusiven Kunstkochbuch vorgestellt.
A&B Gallery aus Korea zeigte das Kunst von Suh Jeong Min. Der junge Koreaner hat in seinem Heimatland die Junlado Cho-sun Universität absolviert. Er schreibt seine Gedanken mit Tusche auf Reispapier, danach wird das Bogen zusammen gerollt, geschnitten und auf Leinwand geklebt. Ein kleines Werk, das wie eine Meditation wirkt, anzufertigen braucht bis zu sechs Monaten. Gewiss, Suh Jeong Min ist noch nicht so berühmt wie seine Landsmännin SEO, doch seine Werke strahlen viel Wärme und Weisheit aus.
Gildens´s Arts Gallery aus London handelt auch erfolgreich mit dem osteuropäischen Kunst, erzählte der Galleristleiter Ofer Gildor. Auf seinem Programm stehen außer Klassikern wie Joan Miro, Salvador Dali oder Friedensreich Hundertwasser noch Belá Kádár, Aurel Bernath, Shimon Balisky, Piotr Ossowsky und viele andere. Mit der Geschäften in Karlsruhe zeigte sich der Engländer sehr zufrieden.
Eine Koreanerin sorgt für Aufsehen und gute Verkaufszahlen
Die aus Südkorea stammende Künstlerin SEO hat in den letzten Jahren nicht nur innerhalb Europas für Aufsehen gesorgt, sondern auch in Übersee bei ihren Ausstellungen, wie z.B. bei Thomas von Lintel in New York. Geboren ist sie 1977 in Gwangju wo sie auch später, wie auch Suh Jeong Min an der Cho-sun Universität ihr Kunststudium 2000 als beste Studentin abschließen konnte. Ihre künstlerischen Ambitionen haben SEO den Blick in die Ferne richten lassen. Ihr zweites Studium begann 2001 an der Berliner Hochschule der Künste bei Georg Baselitz.
Mit der Verleihung einer ganzen Reihe von angesehenen Kunst-Preisen wurde frühzeitig SEOs Schaffen anerkannt. Ebenso befinden sich viele ihrer Werke in bedeutenden Sammlungen der Welt.
Es ist nicht zu übersehen, dass asiatische Ursprung ihre „Linie“ sich immer wieder in den Leinwand- und Papierarbeiten findet. Diese strukturieren, konturieren oder formen Landschaften und menschliche Körper. In ihren Bildern werden bis zu 10.000 Papierstücke, die in mehreren Lagen akribisch auf die Leinwand geklebt werden, verarbeitet. Es ist ein Material, das in Korea vielseitige Verwendung findet, auch beim Suh Jeong Min. Diese Papierstücke werden nachher übermalt oder überzeichnet. Das besondere an dieser Malweise ist, dass jede dieser Schichten die darunter liegende durchscheinen lässt. Somit erhalten die Leinwand-Arbeiten eine in ihrer Stofflichkeit bemerkenswerte Struktur und Tiefe. Es entstehen komplexe Bildräume und Inhalte, die das schnelle Lesen der Kunstwerke unmöglich machen. Will man dem Wesen der Personen und dem Bildgeschehen nachspüren, ist Ruhe und Feinsinnigkeit notwendig. Auch auf artKarlsruhe, Galerie Michael Schultz, wurden alle SEOs Werke veräußert.
Paradiesgärten und Fragen des Raums
Zu erwähnen ist noch die Bilderserie „Paradiesgärten 2011“ von Rainer Langfeldt (geboren 1950 in Waldshut), Galerie Takinu in Stuttgart. Der Schöpfer nennt die Wirkung seiner reliefartig aufgetragenen Motive „Visuelle Haptik“. Mit den Paradiesgärten sind Werke entstanden, die sich mit hohem Wiedererkennungswert in das Lebenswerk des Künstlers einordnen.
Mit vier Jahren kam der Künstler nach Stuttgart und studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, er beendete sein Studium an der Berliner Hochschule der bildenden Künste, wo er Meisterschüler von Professor Engelmann war. Heute lebt Rainer Langfeldt als freischaffender Künstler in Berlin, Paris und zeitweise auf seinem Landsitz am Bodensee.
Sehr interessant waren die Skulpturen des 1952 in Budapest geborenen und in Deutschland lebenden Künstler Gábor Török, ihn faszinieren Fragen des Raums. Die Galerie Christine Rother aus Wiesbaden stellte die Skulpturen des Ungarn vor. Török beherrscht meisterhaft den Umgang mit Materialien, die seinen Händen aufzuweichen erscheinen. Die Schwerpunkte liegen einerseits in der Arbeit mit Naturstein und Edelstahl, andererseits aber auch in architektonischen Konzepten, in denen sich seine umfassende Denkweise wieder-spiegelt. Gábor Török beschäftigt sich neben der bildenden Kunst mit Theater. Außergewöhnliche Bühnenbilder, Regie und eigene Stücke umfassen diesen Bereich.
Einmalig und schön war noch „Lemu“ – eine Katze aus Glas der polnischen Künstlerin Marta Klonowska, der von Galerie Lorch und Seidel Contemprorary angeboten wurde.
Die neunte artKarlsruhe findet vom 8. bis 11. März 2012 statt.
Weitere Informationen www.art-karlsruhe.de
Text: Aino Siebert
Fotos: Aino und Werner Siebert
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