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von | 29.03.2012 | 18:09 ET in Europe

 

Weiß-Nicht-Russland?

Das interdisziplinäre Hauptseminar „Witebsk: Avantgarde-Kulturen“ hat die Institute für Slavistik und Kunstgeschichte gleichsam unter einem Dach versammelt: Gemeinsam beschäftigte man sich mit jüdischer Kunst, Kultur und Literatur im heutigen Weißrussland. Der Höhepunkt des Seminars war eine zehntägige Reise der Studierenden zusammen mit den Dozenten Hans-Christoph Dittscheid, Sabine Koller und Walter Koschmal ins Lukaschenko-Land. Der Aufenthalt in Witebsk und Minsk im Mai 2010 hat deutlich gemacht, wie wichtig unabhängige Wissenschaft und freies, kritisches Denken sind

Weißrussland: Wie kommt es zu der Farbe Weiß im Ländernamen? Man kommt der Antwort näher, wenn man Leute in seinem Umfeld fragt, wo denn Weißrussland überhaupt liege. Wahrscheinlich fallen dann Sätze wie: „Naja, so im Osten“, „Das ist doch ein kleiner Teil von Russland“ , „Ach, da war doch mein Sohn und ihm hat die Hauptstadt Kiew sehr gut gefallen.“ Das Nichtwissen färbt das Land in die Nichtfarbe Weiß.

Weiß man nicht noch weniger über Weißrussland als über Russland? Also wäre für die Namensgebung von Seiten Westeuropas ein »Weiß-Nicht-Russland« angebrachter? Wie kommt es eigentlich zu der Unkenntnis über dieses Land in einer Gesellschaft, die doch scheinbar über unbegrenztes Wissen verfügt?

Was die Geographie betrifft, wird von den Weißrussen gerne behauptet, ihr Land liege im Herzen von Europa. Dieses Herz schlägt jedoch in einem russischen Rhythmus – und somit nicht im Gleichtakt mit Westeuropa.

Deutschland ist nach Russland Weißrusslands wichtigster Handelspartner. Aber ist umgekehrt Weißrussland für Deutschland von Bedeutung? Wirtschaftlich: kaum. Das Land stellt für den größten Teil der deutschen Bevölkerung ein Vakuum dar, das von Russland umschlossen zu sein scheint.

Weißrussland scheint allgemein in einem undurchdringbaren Nebel zu liegen, der von Russland aus über das Land zieht und ihm seine charakteristischen Züge nimmt. Weißrussland selbst fällt es schwer, diesen Nebel zu lüften und sein eigenes Gesicht zu zeigen. Ihm fehlt es vordergründig an eigenen Mythen, Legenden und letztendlich auch an der eigenen Sprache, um es von anderen Gesichtern unterscheidbar zu machen.

Mit der Machtergreifung Lukaschenkos wurde Weißrussland gewaltsam eine neue Maske aufgesetzt. Dieses Gesicht wendet sich von Westeuropa ab und dafür umso stärker Russland zu. Lukaschenko verspricht die Sicherheit und Stabilität, die dem Land nach dem Untergang des Kommunismus und Sozialismus verloren gegangen ist.

Wie ist es als Westeuropäer möglich Zugang zu diesem Land zu finden, das durch seine Regierung eine stark ausgeprägte antiwestliche Politik vertritt? Die Institute für Slavistik und Kunstgeschichte unserer Uni haben versucht, sich über den Weg der Kunst diesem Land anzunähern – über den jüdischen Künstler Marc Chagall, der in Witebsk, der drittgrößten Stadt Weißrusslands, seine Heimat hat, und allgemein über die russische Avantgarde, die ebendort um 1920 ihren Ausgang nimmt.

 

Grüne Juden, rote Kühe und grauer Asphalt

Unsere zehntägige Weißrussland-Exkursion führt uns nach der Ankunft am Flughafen in Minsk zuerst nach Witebsk, die Geburtsstadt des weltberühmten Künstlers Marc Chagall. Die Landschaft verwandelt sich schon während der Zugfahrt dorthin in die Bildersprache eben jenes Künstlers. Zwar sehen wir keine fliegenden Ziegen und Kühe, aber unsere Phantasie bekommt durch die optischen Anreize Flügel. Wir durchwandern die Witebsker Straßen mit leichten Schritten und werden aufmerksam beobachtet. Man merkt den Einwohnern an, dass sie keine Erfahrung mit ausländischen Touristen haben, die noch dazu eine nichtslavische Sprache sprechen.

Einerseits ist sich in Witebsk wohl jeder bewusst, welche Rolle Chagall und seine Künstlerkollegen spielen. Doch der einzige Ort, an dem dieses Erbe gepflegt wird, ist das Chagall-Museum. Hier hören wir Vorträge über diese große Künstlerpersönlichkeit, aber auch über das jüdische Witebsk, das zu Chagalls Zeit existiert hat und über sein familiäres und künstlerisches Umfeld. Wir bekommen dort auch Kontakt zu einem jüdischen Journalisten, der uns eine sehr aufschlussreiche Stadtführung durch das einstige jüdische Stadtviertel gibt, in dem Chagall gewohnt hat.

Das Wohnhaus Chagalls ist heute ein Museum und macht im Gegensatz zu Chagalls 1918 gegründeter Kunstschule – über Jahre das Zentrum der russischen Avantgarde – einen sehr gepflegten Eindruck. In den Hallen der Kunstschule wirkten große russische Künstler wie Malewitsch und El Lissitzky – und natürlich Chagall selbst.

An den Glanz dieses Ortes, der Witebsk einst bereicherte, gemahnt heute nur noch ein altes Blechschild mit traurigen, verbleichten Buchstaben.

Beinahe prophetisch klingt angesichts dessen eine Passage aus Chagalls Autobiographie:

„Es soll mich nicht überraschen, wenn meine Stadt nach einiger Zeit meine Spuren austilgt und sich nicht mehr an den erinnert, der seine eigenen Pinsel im Stich ließ, der sich quälte, litt und sich mühte, die Kunst hier heimisch zu machen, und der davon träumte, die Allerweltshäuser in Museen und die gewöhnlichen Einwohner in Künstler zu verwandeln.“

Die Kunst Chagalls nährt sich aus den Erinnerungen an Witebsk, doch worin besteht die Nahrung der weißrussischen Kultur, wenn nicht aus Orten wie diesem? Ein paar Straßen weiter standen wir vor einer weitaus größeren Ruine. Mutig erhebt sich die Fassade der Synagoge, die zu Zeiten Chagalls ein Ort religiösen Lebens war, gen Himmel. Das Dach, das ihr den letzten Schutz gegeben hat, wurde vor zehn Jahren entfernt, um als Material für die Errichtung einer Baufirma zu dienen. Das Innere der Synagoge ist angefüllt mit Müll.

Ein Hund, der sich vor einigen Jahren in diese Ruine verirrte, fand dort seine letzte Ruhestätte. Weiß man, dass Synagogen in Deutschland auch ein Ort der Aufarbeitung der Verbrechen Nazideutschlands an den Juden darstellen, muss man sich fragen, wie weit Weißrussland mit der Geschichtsaufarbeitung ist. Hat es überhaupt damit begonnen? Gerade hier sind Chagall und seine jüdischen Künstlerkollegen als ein Schlüssel zu verstehen, um in Weißrussland das immer noch heikle Thema Antisemitismus anzusprechen. Doch die Türen zur Erinnerung werden in Weißrussland, so scheint es, ganz bewusst versperrt.

 

Der blendende Glanz Weißrusslands

Auf das geplante Treffen mit weißrussischen Studenten hatten wir uns besonders gefreut. Nun stellte sich heraus, dass die Studentengruppe, die uns präsentiert wurde, vor allem dazu dienen sollte, die Fassade aufrecht zu erhalten, die seit Lukaschenko das Land umgibt. Wir treffen auf zwei Philologiestudenten, die aus einem Hochglanzprospekt für eine Eliteuniverstät entsprungen sein könnten, und einem Professor, dessen Präsenz das Gespräch recht offiziell verlaufen lässt. Beide Studenten, bei denen sich herausstellt, dass sie eigentlich keine mehr sind, sondern vielmehr wissenschaftliche Mitarbeiter der dortigen Germanistik, sprechen perfekt Deutsch, Englisch, Französich, Russisch und Japanisch. Ein Sprachglanz, der Weißrussland international erstrahlen lässt.

Aber erstrahlt es national, sprechen die Studenten weißrussisch? Nein, das nicht. Politisch nicht korrekt. Unter Lukaschenko herrscht eine Kontroverse über die Rolle der weißrussischen Sprache. Sie gilt als offizielle Sprache, jedoch wird sie nur von einem geringen Teil (11–36 Prozent) der Bevölkerung gesprochen.

Weißrussisch gilt als provinziell – in der Urbanisierung und Industrialisierung gab man dem Russischen Vorzug. So sprechen in Städten nur noch 1,5 Prozent der Bevölkerung Weißrussisch. Die Russifizierung wird zudem durch den administrativen Druck Moskaus beschleunigt. Als einzige der fünfzehn Sowjetrepubliken verlor Belarus seine nationale Sprache und somit auch große Teile seiner nationalen Identität.

In Weißrussland finden sich vielerorts Propagandaplakate, die das Aufblühen Weißrusslands verkünden und den Nationalstolz Weißrusslands untermauern sollen. Absurderweise ist dies auf Russisch zu lesen. Weißrussisch gilt als die Sprache der Oppositionellen, die durch diese Sprache ihre entgegen gesetzte politische Auffassung zum Ausdruck bringen. Dass diese Leute in der Öffentlichkeit keine Plattform bekommen, um ihr Anliegen zum Ausdruck zu bringen, ist unter dem autoritären Regime Lukaschenko klar. Fernsehen und Rundfunk werden in Gänze von Lukaschenko gelenkt, Printmedien zu achtzig Prozent. Richtig bewusst wird uns das in der Hauptstadt Minsk, in der von allen Seiten öffentliche Medien auf uns einwirken.

Witebsk im Herzen, verfolgen wir dort weiter die Spur der russischen Avantgarde. Unsere Schritte werden auf dem anonymen, grauen Asphalt in Minsk schwerer, und die Phantasie wird durch die sozialistischen Bauten eingeengt. Lukaschenko poliert Minsk, dessen Sauberkeit uns beinahe blendet. Die Innenstadt ist belebt durch junge Menschen, und nur wer etwas genauer hinschaut, sieht in Unterführungen und in U-Bahn-Schächten alte Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt erbetteln. Der hohe Wert, den die junge Generation dem Materialismus einräumt, wird nachvollziehbar in Anbetracht der Gefahr, der Altersarmut anheim zu fallen.

Einen Anspruch auf Rente gibt es nicht. So haben die jungen Weißrussen täglich vor Augen, was sie im Alter erwarten kann.

Etwas außerhalb des Stadtzentrums beginnt die Fassade von Minsk schnell zu bröckeln. In den Vororten reihen sich die Plattenbauten, die seit ihrer Entstehungszeit in den fünfziger Jahren keine Renovierungsarbeiten erfahren haben und dem Leben der dortigen Bevölkerung ein tristes Äußeres geben. In einem dieser Vororte liegt das kunstpädagogische Institut. Die Wände des Instituts sind geschmückt mit Zeichenstudien, die seit dem Sozialismus nicht mehr abgenommen wurden und immer noch das Ideal des Sozialistischen Realismus aufweisen. Das ganze Institut wirkt schon von außen, als wäre dort die Zeit vor 40 Jahren stehen geblieben.

Dass die Wissenschaft, die den Innenraum mit Leben anfüllen könnte, im ersten Aufglimmen eine Haube aufgesetzt bekommt, wird in dem anschließenden Vortrag ersichtlich. In einer Präsentation wird rasant über die jüdischen Künstler gesprochen. Die Veranstaltung hat den Charakter eines Filmes, so schnell werden die Bilder gezeigt. Auf unsere Nachfrage zu einem gewissen Künstler sagt man uns, dazu gebe es keine Quellen. Auf die Frage, in welchem Museum denn ein bestimmtes Bild aus der Präsentation hängt, wird geantwortet, dass es aus dem Internet stammt. Die Kunstprofessorin, die den Vortrag hält, ist selbst Jüdin. Doch fehlt ihr – einem wenig nachahmenswerten Produkt des weißrussischen Bildungssystems – jegliche didaktische Eignung, Inhalte über jüdische Kunst zu vermitteln. Doch will man das überhaupt?

Das Wissen wird minimal gehalten. Denn im Wissen steckt eine Gefahr, die die Regierung Lukschenkos zum Umsturz bringen kann. Über die jüdischen Künstler in Weißrussland gibt es sehr wohl Quellen, jedoch werden sie in Weißrussland unterschlagen, weil das Volk nur das wissen soll, was für die Regierung von Vorteil ist. Dass gerade die jüdischen Künstler der Avantgarde als Andersdenker einer linken Politik zugetan sind, soll lieber nicht zu Tage treten. Die Gefahr, dass ein größerer Teil der Bevölkerung anfängt, kritisch zu denken, wäre zu groß.

Ein anderes Wissenszentrum, das wir besuchen, ist das Nationalmuseum in Minsk. Hier hören wir ebenfalls Vorträge, die zum Teil unsere Erwartungen positiv übersteigen. Das Museum beherbergt auch Bilder derjenigen jüdischen Künstler, mit denen wir uns intensiv beschäftigt haben.

Einer davon ist Chagalls Lehrer Jurij Pen. Sie hängen etwas in einer Ecke gedrängt, doch übertrifft die malerische Qualität dieser Abteilung bei weitem die der Künstler, die noch ausgestellt sind.

 

Hinter der Fassade

Am letzten Abend unserer Exkursion gelingt uns ein Blick hinter die Fassade Weißrusslands durch einen Architekten, der uns eine persönliche Stadtführung gibt. Durch ihn erfahren wir Näheres über die Bausünden in Minsk, die uns selbst schon während unseres ganzen Aufenthaltes aufgefallen waren. Für Weißrussland ist bis heute Denkmalschutz ein Fremdwort: Alte Häuser werden abgerissen, neue Häuser, die auf billige Weise den Alten nachempfunden werden, werden gebaut. Weißrussland untergräbt in jeder Hinsicht seine eigene Geschichte, und eine neue, vom Machtdenken Lukaschenkos angeleitete Geschichte wird aufgesetzt.

Unterstützt nicht ganz Westeuropa die Politik Lukaschenkos, wenn es Weißrussland nicht mit seiner vielschichtigen Kultur wahrnimmt und das Land leichtfertig mit Russland gleichsetzt? Das Slavistik-Institut und das Institut für Kunstgeschichte in Regensburg wollen dem etwas entgegensetzen. Sie wollen Wissen über Weißrussland in Ausstellungen, Radioberichten und Zeitungsartikeln vermitteln und hoffen, dadurch viele Mitwisser zu gewinnen. Vielleicht kann so in unserer Wahrnehmung aus Weiß-Nicht-Russland wieder Weißrussland werden.

 Zeichnerisches Resümee der Exkursion, angefertigt von der Autorin in Anlehnung an den Zeichenstil Chagalls

Zeichnerisches Resümee der Exkursion, angefertigt von der Autorin in Anlehnung an den Zeichenstil Chagalls

 

Text & Fotos Barbara Standke

 

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