Socialize

FacebookTwitterRSS
von | 26.04.2012 | 16:40 ET in Europe

 

Ira Ebner: Himmel, Erde, Schnee – Ein Roman, der über Estland erzählt

Ira Ebner

Ira Ebner: "Himmel, Erde, Schnee" - Roman über Estland

In den 1970er Jahren war Estland ein von der Sowjetunion besetztes Land. Unter der Verwaltung der Kommunistischen Partei herrschte ein scheinbarer Frieden. In dieser Zeit lebte Lagle, deren Vater dem beschaulichen Dorf Laanejärv vorstand. Er musste den Sowjets Konzessionen für die begehrte Ressource Ölschiefer erteilen, die zu ihren Füßen für die Versorgung des hungrigen Weltreichs zu Tage gefördert wurde, und leistete schließlich Widerstand. Lagle heiratete den selbstbewussten Arvo Kortelainen, der ihretwegen die Verbindung mit ihrer Cousine Sigurd gelöst hatte. Während Sigurd in Finnland ihr Glück suchte, folgte Lagle Arvo ins ferne Kirgisistan. Als sie dann Jahre später nach Estland zurückkehrte, stand ihre Ehe vor dem Ende und sie fand ein Land vor, das nicht mehr das war, was es war…

Die Baltische Rundschau hat mit der Autorin Ira Ebner gesprochen:

BR: Warum haben Sie einen Roman gerade über Estland geschrieben?

Ira Ebner: Mich hat vor allem die Geschichte der „Singenden Revolution“ beeindruckt, da sie auf einem friedlichen Weg die Wiedererlangung der Freiheit Estlands erreicht hatte. Wie es dazu kam, wollte ich anhand der Figuren meines Romans und ihren Einzelschicksalen schildern. Aber es ist nicht nur die jüngere Geschichte Estlands, sondern auch das Land an und für sich, das besondere Licht, der weite Himmel, die Wälder, die Seen. Auch dieses wollte ich in der gesamten Erzählung beschreiben.

Ich begann mich in einem sehr frühen Alter, also mit 12 – 13 Jahren für politische Themen zu interessieren. Zu diesem Zeitpunkt fand die Wende statt, die auch dramatische Auswirkungen auf Deutschland hatte, den Mauerfall und schließlich die Wiedervereinigung. Es war spannend, tagtäglich in der Tageszeitung über die Reformen im ehemaligen Ostblock zu lesen und in den Nachrichten die Bilder zu sehen, die Geschichte schrieben. Ich sah im Fernsehen, wie die Menschen in Litauen, Lettland und Estland für die Unabhängigkeit ihrer Länder demonstrierten und beschäftigte mich weiter damit. Ich las Geschichtsbücher, da wird man automatisch mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Nach den Ereignissen des 13. Januar 1991 empfand ich tiefe Sympathie mit den Balten. Ich freute mich, dass im selben Jahr die drei Länder Litauen, Lettland und Estland ihre Unabhängigkeit erreichten und heute in der EU und der NATO integriert sind.

BR: Welche Beziehungen haben Sie zu den Baltikum, insbesondere zu Estland?

Ira Ebner:Ich kam etwa Mitte der 1990er Jahre nach Lettland und nach Estland. Als eine Geste der Wiedergutmachung für den 2. Weltkrieg und dem daraus resultierenden Schicksal der Balten ermutigte mich meine Mutter, diese Reise zu unternehmen. Kontakte hatten sich über Brieffreundschaften ergeben. Natürlich standen dabei die Sehenswürdigkeiten wie Riga, Sigulda und natürlich Tallinn auf dem Programm. Aber ich sah bei der Durchreise viel vom Land selbst, ich war positiv überrascht bei den Begegnungen mit den Menschen von deren Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Eines der besonderen Erlebnisse war ein Fest, das die jungen Leute auf dem Hügel eines Ortes feierten mit einem Feuer und mit Musik. Diese Reise gab mir auch die nötigen Inspirationen für „Himmel, Erde, Schnee“, da ich viele Hintergründe erfahren und Informationen gewinnen konnte. Ich möchte gerne und bald wieder nach Estland, ich bin auch sehr neugierig darauf, selbst zu sehen, wie es sich verändert hat. Mein Traum wäre es, einmal das Tallinner Sängerfest zu besuchen.

BR: Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ira Ebner: Bevor ich einen Roman schreibe, lege ich die Hauptfiguren fest, gebe ihnen Namen und zeichne die Rollen vor, die sie einnehmen. Natürlich entwickeln sich die Feinheiten während der Handlung weiter, sie spielen sozusagen einander zu. Es gibt keinen autobiographischen Hintergrund, das meiste ist Fiktion, aber es findet sich durchaus die eine oder andere Situation wieder, die man ähnlich erlebt hat. Nur bei den geschichtlichen Hintergründen will ich den Fakten treu bleiben.

Ira Ebner

Ira Ebner, Autorin des Romans "Himmel, Erde, Schnee"

BR: Sie kennen doch sowjetische Diktatur nur von Erzählungen. Was empfinden Sie, wenn Sie daüber  schreiben?

Ira Ebner: Während ich die Szenen beschrieb, in denen sich die Hauptfiguren zu Gesprächen zurückzogen, die sich wie in dem Roman über die Zerstörung der Umwelt oder die Besatzung drehten, bekam ich ein klammes Gefühl und Herzklopfen. Ich versuchte mich in die damalige Zeit, in die Umstände und in das Klima der Bevormundung hineinzuversetzen und empfand eine tiefe Empathie und Respekt vor den Menschen, die damals unter der sowjetischen Diktatur – die ja auch auf ihre Weise Mittel- und Osteuropa betraf – gelitten hatten. Ich musste immer wieder eine Pause machen und durchatmen. Ich weiß das heutige Europa mit seinen Möglichkeiten zu schätzen. Als Bürgerin oder Bürger kann man sich gegen eine falsche Regierungspolitik aussprechen und von seinem Wahlrecht Gebrauch machen und sich auf kommunaler Ebene in Bürgerentscheiden beteiligen.

BR: Wie gut kennen die Menschen in Deutschland Estland?

Ira Ebner: Außer bei den Deutschen, die ihre Wurzeln in Estland, oder eine Affinität dazu haben, ist das Land allgemein leider zu wenig bekannt. Ich würde mir wünschen, dass sich dieses Bewusstsein durch den Gedanken des geeinten Europas ändert. Vielleicht weckt auch „Himmel, Erde, Schnee“ das Interesse an Estland und spricht manche Leser sogar an, das Land zu besuchen?

BR: Sie haben auch einen Roman über Litauen „Die Sternenstürmerin“ geschrieben. Viele Menschen sagen Baltikum und denken dabei, dass alle drei Länder, Estland, Lettland und Litauen gleich sind. Ob das tatsächlich so ist? Was haben Ihre Meinung nach die Balten gemeinsames und welche gravierende Unterschiede haben die drei Länder?

Ira Ebner: Auf den ersten Blick mag es vielen so erscheinen, dass die baltischen Länder Litauen, Lettland, Estland gleich wären. Gemeinsam ist den drei Völkern der reiche Schatz an Liedgut, die Wertschätzung des Brauchtums, und auch nach meinen Erfahrungen Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft und eine herzliche Gastfreundschaft. Die Unterschiede zwischen den drei Völkern finden sich etwa in der Sprache wieder. So sind das Litauische und das Lettische miteinander verwandt. Das Estnische ist dem Finnischen verwandt. Mein Eindruck bei meinen Reisen war, dass die Litauer sich von der Mentalität näher an Osteuropa, die Esten näher an Skandinavien befinden. Es gibt unterschiedliche Bräuche, wie etwa an Weihnachten, im überwiegend katholischen Litauen kommt am Heiligen Abend kein Fleisch auf die Festtafel, im mehrheitlich protestantischen Estland dagegen schon.

BR: Verfolgen Sie in Deutschland die baltische Veranstaltungen?

Ira Ebner: Ja, ich verfolge die baltischen Veranstaltungen, die im deutschen und auch im österreichischen Raum stattfinden, wie etwa Konzerte oder Ausstellungen. Im vergangenen Jahr waren wir beispielsweise zu einer Veranstaltungsreihe über den wirtschaftlichen Aufbruch Estlands und zur Ausstellung „Linnu Eesti – im Vogelflug über Estland“ von Endel Grensmann über die Münchner Stadtbibliothek eingeladen.

BR: Sind sie in irgendeinem baltischen Verein aktiv?

Ira Ebner: Ich weiß, dass es verschiedene baltische Vereine in Deutschland gibt, Volksgemeinschaften und Organisationen der Landsmannschaften in größeren deutschen Städten wie auch deutsch-baltische Vereine. Natürlich würde ich mich über einen gegenseitigen Austausch freuen.

BR: Frau Ebner, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

Das Interview führte Aino Siebert.
Fotos: Privat

Ira Ebner, „Himmel, Erde, Schnee“, Roman 1. Teil
ISBN: 978-3-8459-0064-3
AVAA-Verlag, www.aavaa.de

Die Autorin Ira Ebner, geboren 1977, besuchte das Josef-Hofmiller-Gymnasium in Freising und machte anschließend eine Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin. Ihr Talent für das Schreiben und ihr Interesse an geschichtlichen Themen entdeckte sie bereits sehr früh und verfasste mit 14 Jahren ihren ersten Roman. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.
BALTISCHE RUNDSCHAU ONLINE ist mit ihrer Vollredaktion die erste deutschsprachige Tageszeitung im Baltikum und Nordeuropa, die nur im Internet erscheint. | Herausgeber: PUBLICITAS JSC im Verein der Deutschen Litauens e.V
avatar
Online-Redaktion


Sie müssen angemeldet sein um einen Kommentar zu schreiben Benutzername